30.1.2019

Wie kann Kirche besser mit Mitgliedern kommunizieren, die lieber auf Distanz zum örtlichen Kirchengeschehen bleiben? Darüber haben die Synodalen und weitere Interessierte anlässlich einer Arbeitstagung in Chur diskutiert. Anregungen zum Thema gab ein Referat von Frank Worbs, dem Kommunikationsbeauftragten der Aargauer Kirche. Bis zu 70 Prozent der Kirchenmitglieder hätten kaum je Kontakt zu ihrer Kirchgemeinde, mutmasste Worbs. Sie blieben auf Distanz zur Kirchgemeinde, ermöglichten aber durch ihre Steuergelder, dass diese ihren Auftrag erfüllen könne. „Viel zu selten haben wir Danke gesagt“, meinte Worbs, der selber Pfarrer war. Unter dem Titel „Lebenslang Mitglied bleiben“ präsentierte er ein Paket mit rund 30 Vorschlägen, wie Beziehungspflege mit „distanzierten Kirchenmitgliedern“ geschehen könnte. Darunter finden sich Gratulationskarten zu Geburt oder Jubiläum, Grusskarten zu kirchlichen Feiertagen. Auch eine ausformulierte Austrittsbestätigung ist dabei – sie beginnt mit dem Dank für die geleistete Unterstützung. Das sei ein Perspektivenwechsel in der kirchlichen Kommunikation, meinte Worbs: Aufmerksamkeit und Wertschätzung auszudrücken ohne Teilnahme oder Mitarbeit einzufordern. Worbs Materialien stehen den Kirchgemeinden ab sofort zur Verfügung.

Kirchliches Trittbrettfahren? In einem weiteren Referat äusserte sich Kirchenrat Frank Schuler zum Thema „Mitgliedschaft und Kasualien – Streiflichter aus verfassungsrechtlicher Sicht“. Ähnlich wie die selbst gewählte Distanz der Distanzierten sei auch der Austritt der Ausgetreten zu respektieren. Wer aus der Kirche austrete, wolle nicht mehr dazugehören. Das sei ernst zu nehmen – auch dann, wenn eine Hochzeit oder eine Beerdigung anstehe. Mit Blick auf die verschiedenen Formen der Mitgliedschaft weist Schuler allerdings auch darauf hin, dass die Sache in der Praxis oft komplizierter sei: wer genau muss denn Mitglied sein, damit eine kirchliche Handlung stattfinden kann: Ist es bei einer Abdankung die verstorbene Person oder sind es die Angehörigen? Ist es bei einer Taufe der Täufling, der Vater und/oder die Mutter oder sind es gar die Paten? „Wo und wie ziehen wir die Grenze“, fragte Schuler. Dass in Sachen kirchliche Handlungen für Ausgetretene Klärungsbedarf besteht ist für den Juristen unbestritten: „Die SBB kann auch nicht akzeptieren, dass ich mit dem GA meiner Tante im Zug sitze“. Davon zu unterscheiden seien allerdings Situationen, wo Kirche im gesamtgesellschaftlichen Auftrag handle, zum Beispiel im Bereich der Spitalseelsorge oder der Lebens- und Paarberatung. Davon müssten alle profitieren können, unabhängig ihrer Religion und Kirchenmitgliedschaft. Dasselbe gelte für Gottesdienste und gelebte Solidarität.

Wandel spürbar. Wer den Gesprächen der Synodalen zuhörte, hörte heraus, wie die Konkurrenz in Sachen Ritualbegleitung und der Wunsch nach immer individuelleren Kasualien die Pfarrerschaft herausfordert und auch verunsichert. „Was macht das alles mit uns“, fragt etwa die Dekanin Cornelia Camichel. „Wir werden ständig in Frage gestellt und stellen auch uns ständig in Frage“. Die Arbeit in den Kirchgemeinden hätte an Selbstverständlichkeit verloren und das gehe an allen, die für die Kirche arbeiteten, nicht spurlos vorüber. Die Arbeitstagung verstand sich denn auch als Übung in Selbstwahrnehmung und Selbstreflektion und sie bot Gelegenheit zum Austausch und Blick von aussen. Sowohl die Lust auf andere Sichtweisen wie auch auf Abgrenzung war in den Diskussionen spürbar. „Wir leben in einer Zeit der Deinstitutionalisierung“, fasste Kirchenrat Roland Just die Veränderungen zusammen und stellte sie in einen gesellschaftlichen Zusammenhang. Kirche sei Institution, Organisation und Bewegung zugleich – eine produktive Spannung, die wachzuhalten sei. Rückzug ist für Just keine Option, im Gegenteil. Das wichtigste Kriterium ist für Just, wie und ob Kirche mit ihrem Umfeld interagiert.

Der positive Blick. Aufgelockert wurde die Tagung durch kabarettistische Einlagen von Adele Seibold. Sie sprach in clownesker Art von „Communityhopping“ und von „Kirche von Fall zu Fall“. Sie befeuerte die Ideen in Richtung einer einfallsreichen Kirche und warf auch mal einen unbeschwert positiven Blick auf kirchliches Leben im Hier und Heute.

Stefan Hügli

Bild: „Kirche versteht sich auf Nähe. Kommunikation auf Distanz funktioniert anders“ – Frank Worbs an der synodalen Arbeitstagung in Chur.