23.6.2018

Von der dunklen Seite der Bibel

Legitimiert die Bibel religiöse Gewalt? Jörg Lanckau konfrontierte in seiner Synodalproposition vom Samstag die Bündner Pfarrpersonen mit unangenehmen Fakten. „Ja, es gibt Texte in der Bibel, die verstörend sind“, sagte der Pfarrer und Professor für Bibelwissenschaften. Es sind Texte die von Gewalt handelten, von Krieg und Missbrauch. Abraham etwa soll seinen Sohn Isaak opfern, Kain schlägt seinen Bruder Abel tot, und mit Sodom wird eine ganze Stadt zerstört. „Ist Religion also an allem Schuld?“, fragt Lanckau, „sollen wir die Religion abschaffen und alles wird gut?“

Nein, so einfach sei das nicht, sagte Lanckau und forderte die Synode auf, zu differenzieren. Er versteht die Bibel als „Bibliothek von Diskursen über menschliche Erfahrungen“ – und dazu gehöre eben auch die dunkle Seite des Lebens, Krieg und Gewalt. Biblische Erzählungen seien nicht Erzählungen zum Nachmachen, meinte er, vielmehr gehe es darin um den Ausdruck zeitgebundener Meinungen, um Dokumente eines kulturellen Gedächtnisses. „Geschichte ist immer gedeutete Geschichte“, führte Lanckau aus, und so spiegeln sich auch in den biblischen Texten bestimmte Weltsichten und Auseinandersetzungen ihrer Entstehungszeit. Sie fragen nach Identität – persönlich wie kollektiv, sie fragen nach Fremdem und Eigenem. „Im schlimsten Fall wird das Fremde zum Feind“.

Gerade das zwanzigste Jahrhundert, welches dem Mittelalter und auch biblischen Texten gerne Gewalttätigkeit vorwarf, war laut Lanckau eines der gewalttätigsten Jahrhunderte der Geschichte. Ausgehend von der These des Ägyptologen Jan Assmann, wonach mit Mose und dem Monotheismus auch die Unterscheidung von wahr und falsch, gläubig und ungläubig in die Religion gekommen sei, überraschte Lanckau mit Hintergrundwissen, welches die schwer einzuordnenden Texte in einem neuen Lichte erscheinen liess – als Spiegel von Auseinandersetzungen der damaligen Zeit. „Wenn man die Bibel diskursiv liest, wird der Blick frei für Kritik“.

In der Geschichte von Kain und Abel zum Beispiel sieht Lanckau die Frage, wann ein Streit beginne. In der Opferung des Isaak durch Abraham sieht er die Frage, wie Glaube und Gehorsam sich zueinander verhielten. Ob die Geschichte von der Zerteilung einer Frau in zwölf Stücke eine Art Fake-News zur Rechtfertigung eines Kriegszugs ist, lässt Lanckau offen. Unbestritten ist für ihn aber, dass es in der Bibel theologische Interpretationsmuster des Krieges gibt, wie sie im Alten Orient verbreitet waren – mal zustimmend, mal kontrollierend, mal kritisch bis hin zu den Texten, die sich eine Welt ohne Tod ausmalen, wie in der Geschichte vom Garten Eden, oder auch eine Welt ohne Krieg.

Wie solch diskursive Bibellektüre geht, übten die Synodalen an konkreten Beispielen. Klar wurde, dass die Unterscheidung „böses Altes Testament – gutes Neues Testament“ entschieden zu kurz greift. Auch im Neuen Testament sind Texte mit schwieriger Wirkungsgeschichte zu finden. Gegenüber sozialromantischen Vorstellungen in Zusammenhang mit den ersten Christengemeinden, brachte Lanckau die Geschichte von Hananias und Saphira ins Spiel und warf ein, dass es im Anfang möglicherweise auch nicht einfach ganz anders gewesen sei. Und: wer als Sohn oder Tochter des Lichts und wer als Sohn der Finsternis galt, das war nie nur eine religiöse Frage, sondern immer auch eine politische.

Am Nachmittag stand ein Apéro-Empfang der Gemeinde Cazis auf dem Programm – mit Grusswort des Gemeindepräsidenten Eduard Decurtins und der Dorfmusik Rothenbrunnen. Weiter wurden den Synodalen verschiedene Aktivitäten angeboten, etwa eine Kirchenwanderung,  ein Besuch im Kulturarchiv oder eine Wanderung durchs nahe Naturschutzgebiet.

Stefan Hügli

 

Bild: „Ist Religion an allem Schuld?- Mitnichten!“ – Jörg Lanckau hält die Proposition