19.4.2019

Karfreitagsreise nach Bergün

Vor Ostern prallen die Welten aufeinander. Am Bahnhof in Chur sehe ich Skifahrerinnen und Skifahrer mit Rucksack und Eispickel unmittelbar neben einer Gruppe von Radfahrern. Die einen tragen Primaloftjacke und Mütze, die anderen T-Shirt und kurze Hose. So ist das an Karfreitag, denke ich, und folge den Tourengängern, sehe zu, wie sie ihr Gepäck im Zug nach Samedan verstauen. Eine Frauenstimme heisst die Fahrgäste auf der „UNESCO-Welterbe-Strecke“ willkommen. 122 Kilometer liegen zwischen Thusis und Tirano, 55 Tunnels und 196 Brücken gehören zur Strecke. Im Fenster spiegeln sich die noch weitgehend braunen Waldflanken. Alles ist steil hier und karg. Da und dort liegt noch letzter Schnee.

In Bergün angekommen, folge ich den Glockenklängen zum andern Ende des Dorfes. Die Kirche steht leicht erhöht neben einem stämmigen Baum, der seine Äste in den Himmel streckt, als ob er sich dort festkrallen wolle. Der Karfreitag frage nach dem, was das Leben schwer macht: nach Gewalt, Ohnmacht, Leiden und Schuld – und was das alles mit einem selbst zu tun habe, sagt Pfarrerin Margrit Uhlmann im Gottesdienst. Wer glaube, an Karfreitag nicht mitgemeint zu sein, mache es sich zu einfach. „Es ist zu einfach, nur auf Judas zu verweisen; es ist zu leicht mit dem Finger auf andere zu zeigen.“

Stille in der Kirche. Stiller könnte es nicht sein, nicht konzentrierter, nicht meditativer. Ich höre und schaue mir die alten Wandmalereien an. Sie sind wie gemacht für den heutigen Gottesdienst. Sie erzählen vom Kreuzweg Jesu, von Spott, Ohnmacht, Angst und Verstummen. Die gegenüberliegende Wandseite zeigt die Apostel – auch sie haben sich unter Druck anders verhalten, als sie es selbst für möglich gehalten hätten. „Dem Leben standhalten“, sagt die Pfarrerin. Jesus sei den Konfrontationen nicht aus dem Weg gegangen – im Interesse des Lebens.

Mein Sitznachbar rückt die Krücken zurecht, die er an die Kirchenbank angelehnt hat. Merkwürdig: Es tut gut, hier zu sitzen, die Gedankengänge, die Bilder, die Musik, die Gebete, die Menschen. Es verbindet mich mit dem Leben. Ich stelle mir vor, wie viele Menschen schon hier gesessen sind, so wie ich es jetzt tue. Ich spüre, dass der Raum ein heiliger Ort ist, ein Kulturgut ersten Ranges, sorgsam gepflegt von der Kirchgemeinde vor Ort. Ganz vorne in der Kirche sehe ich die Jahreszahl 1188, gefolgt vom Buchstaben „R“ und weiteren Zahlen: 1891, 1930, 1979, 2009.

Hier fällt es mir leicht, Worte auf mich wirken zu lassen. Hängt es mit der Art zusammen, wie die Pfarrerin spricht? Liegt es am Raum? Immer wieder steigt mein Blick zur reich verzierten Decke hoch. Es sei eine sogenannte „Holzleistendecke“, lasse ich mir erklären. Die einzelnen Platten seien in einer Art Stempeltechnik gefertigt. Ich kann es nicht lassen und suche nach kleinsten Unterschieden in den wiederkehrenden Mustern. Irgend etwas gefällt mir daran. Sind es die Erdtöne? Ist es die schier überwältigende Zahl der Ornamente, deren Zusammenspiel? Oder ist es die Art und Weise, wie die Decke hoch über den Köpfen für Verspieltheit und Lebenslust sorgt?

Auch wenn heute schwierige Themen angesagt sind: in zwei  Tagen werden Menschen hier Ostern feiern – welch ein Gegensatz! Dennoch gehörten Karfreitag und Ostern zusammen, sagt die Pfarrerin. Das eine ohne das andere greife zu kurz. Liebe wachse wie Weizen und ihr Halm sei grün.

Stefan Hügli