19.12.2025
Zu Besuch bei Kathrin Josty
Kathrin Josty, Religion ist das kleine Fach mit den grossen Fragen. An welchen Themen arbeitest du gerade?
Ich unterrichte alle Altersstufen, von der ersten bis zur siebten Klasse. Für die vierte bis sechste Klasse befasse ich mich zurzeit mit Moses und den Zehn Geboten, für die dritte Klasse mit dem Thema «Der Glaube der Christen» und für die siebte Klasse erkunde ich Schöpfungsmythen. Parallel dazu lese ich mich in das Thema «Zukunftsvisionen» ein. Die Themenvielfalt ist gross, das macht die Arbeit spannend.
Was fasziniert dich am Unterrichten?
Mich fasziniert der Austausch mit den Kindern und ich mag die unglaubliche Neugier, mit der sie an neue Themen herangehen. Anders als bei Mathematik oder Grammatik gibt es im Religionsunterricht nicht die eine Antwort – das macht das Fach wunderbar lebendig und flexibel. Ausserdem schätze ich die Auseinandersetzung mit Glaubensfragen, die ja allesamt Lebensfragen sind.
Als Newcomerin investierst du viel Zeit in die Vorbereitung. Was kommt zurück?
Viele Kinder freuen sich auf den Unterricht. Diese Freude ist für mich das grösste Geschenk.
Am 21. Juni fand in Andeer der Abschluss des RUL-Kurses mit Diplomübergabe statt. Welche Möglichkeiten haben sich seither ergeben?
Im Albulatal gibt es einen Mangel an Lehrpersonen. Schon während der Ausbildung habe ich mehr unterrichtet, als eigentlich verlangt wurde. Neuerdings unterrichte ich auch an der Oberstufe. Zudem wurde ich von der Regionalversammlung in den EGR gewählt. Dadurch erhalte ich Einblicke in Projekte und in die Kirchenpolitik.
Der Kurs RUL kombiniert Basiswissen, Didaktik/Methodik und Coaching. Gab es Aha-Erlebnisse?
Definitiv. Eigentlich jeden Montag, wenn wir uns zum Unterricht trafen. Das Miteinander empfand ich als sehr wertvoll. Wir diskutierten viel und tauschten uns aus. Dadurch habe ich meinen persönlichen Glauben hinterfragt und gelernt, mich auf unterschiedliche Perspektiven einzulassen. Durch den regelmässigen Austausch in der Gruppe hat sich meine Sprachfähigkeit erweitert. Immer wieder übten wir, Themen so aufzubereiten, dass sie für die Schülerinnen und Schüler relevant, lebendig und verständlich werden.
Wie gelingt das?
Durch Elementarisierung oder konsequentes Arbeiten nach dem Modell der Themenzentrierten Interaktion TZI. Dieses fragt bei einer biblischen Geschichte nach deren Bedeutung für die Kinder und Jugendlichen als Einzelpersonen wie auch als Gruppe. Zudem berücksichtigt das Modell auch Einflüsse von aussen («Globe»). Bei jedem Thema gilt es abzuschätzen, was die Schüler bereits wissen und womit an deren Lebenswelt angeknüpft werden kann.
«Ihr habt bewiesen, dass ihr wisst, wie Religion gut unterrichtet wird», sagte Kirchenrat Jens Köhre an der Diplomfeier. Das klingt gut, wie geschieht das?
Indem man Religion den Schülerinnen und Schülern nahebringt – abwechslungsreich und so, dass genug Zeit auch für ihre Fragen bleibt. Guter Religionsunterricht beginnt meiner Meinung nach mit dem Blick ins Klassenzimmer: Als Lehrperson nehme ich wahr, wen ich vor mir habe. Es ist dann nicht bloss eine vierte Klasse, sondern es sind Gianna, Nina und so weiter. Ich überlege mir, wie ich mit ihnen in Beziehung treten kann.
So einfach, so schwierig…
Das stimmt. Beziehungsaufbau braucht Zeit, doch er lohnt sich. Erst wenn man spürt, wie eine Klasse funktioniert, entsteht ein Raum, in dem gutes Unterrichten möglich wird.
Und dieses Handwerk will der RUL-Kurs in nur 18 Monaten vermitteln? Das ist doch definitiv zu kurz!
Das glaube ich nicht. Aber klar: Voraussetzung für den Abschluss ist, dass man das nötige Interesse und genügend Zeit mitbringt. Ich persönlich empfand den Kurs trotz seiner Kompaktheit tatsächlich als Berufsausbildung, nicht bloss als Weiterbildung. Es war etwas vom Besten, was ich in Sachen Ausbildung je besucht habe.
Vom Tourismusbüro ins Schulzimmer: Das ist ein beachtlicher Kurswechsel.
Tatsächlich. Ich habe ursprünglich eine kaufmännische Ausbildung und dann die Tourismusfachschule in Samedan absolviert. Danach arbeitete ich im Eventbereich und als Produktmanagerin in der Medienbranche. Auch hier im Albulatal war ich zuerst im Tourismus tätig. Mittlerweile bin ich Mutter von zwei Kindern, drei und fünf Jahre alt. Vom Einstieg in den Religionsunterricht verspreche ich mir, dass sich damit Familie und Beruf miteinander vereinbaren lassen. Der Vorbereitungsaufwand ist im Moment zwar noch hoch, aber ich bin überzeugt, dass der Plan bald greifen wird, spätestens wenn die Kinder selbst schulpflichtig sind.
Kannst du dich an den Religionsunterricht erinnern, den du als Kind erlebt hast?
Der Religionsunterricht, den ich erlebt habe, war eher klassisch und nicht wirklich spannend. Das sieht man auch an meiner Schulbibel, die ziemlich vollgekritzelt ist. Doch sie steht immerhin noch in meinem Büchergestell. Ausgesprochen viele schöne Erinnerungen habe ich an die Sonntagsschule. Ich ging sehr gerne hin und liebte die Geschichten, die dort erzählt wurden. Geprägt haben mich zudem die Lager des Blauen Kreuzes mit den Liedern am Lagerfeuer und dem Gemeinschaftsgefühl. Das alles ist tief in mir gespeichert.
Wie haben die Leute im Dorf auf deinen Rollenwechsel zur Religionslehrerin reagiert?
Ich spürte von Anfang an Wertschätzung für das, was ich an der Schule tue. Anders war es bei Freunden aus dem Eventbereich: Sie konnten meinen Wechsel zuerst nicht nachvollziehen und ich musste mich erklären. Das führte zu spannenden Gesprächen.
Eine Frage an dich als Mutter von kleinen Kindern: Was braucht es, damit Tradition und Glaube weitergegeben werden?
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Kinder schnell nach den Geschichten fragen, wenn zuhause eine Kinderbibel herumliegt. Beides ist wichtig: Das Elternhaus, das die Überzeugungen und den Glauben vorlebt, aber auch der Religionsunterricht, der die biblischen Geschichten und Hintergründe vermittelt und Gelegenheit zum Austausch mit anderen bietet. Das Zuhause, der schulische Religionsunterricht und – im Idealfall – erlebte Gemeinschaft ergänzen sich.
Im Religionsunterricht spiegeln sich nicht zuletzt auch gesellschaftliche Veränderungen. Welche Herausforderungen erlebst du in Bergün und Filisur?
Im Albulatal sind, so wie ich das erlebe, nach wie vor die meisten Kinder getauft und viele Schülerinnen und Schüler kennen die biblischen Geschichten. Das ist sehr schön, weil sich im Unterricht daran anknüpfen lässt. Eine Herausforderung ist jedoch, dass die Pfarrämter über längere Zeit nicht besetzt sind. Religion findet für Kinder dann einfach im Klassenzimmer statt.
Lernen die Kinder im Albulatal, wie ein Miteinander unterschiedlicher Religionen aussehen könnte?
Sie erleben verschiedene christliche Konfessionen, kaum aber unterschiedliche Religionen. Das ist nur schon deshalb schade, weil es spannend wäre, im Unterricht über solche Begegnungen zu diskutieren.
Wer die KI zur Bedeutung des Religionsunterrichts befragt, bekommt zur Antwort: «Religionsunterricht ist wichtig für die Identitätsbildung, Wertevermittlung, für das Einüben von Toleranz, kritischem Denken und Zusammenhalt.» Teilst du diese Einschätzung?
Ja, die teile ich voll und ganz. Für Kinder sind so grundlegende Fragen wie «Wer bin ich?», «Was will ich?», «Woher komme ich?» und «Wohin gehe ich?» zentral. Sie können unglaublich fantasievoll darüber philosophieren. Überhaupt schafft der Religionsunterricht Raum für Fragen, die im Schul- und Familienalltag in dieser Form vielleicht nicht immer den nötigen Platz finden.
Das sind hohe Erwartungen…
Das ist so, ja. Es gehört aber zur Aufgabe des Religionsunterrichts, Kinder und Jugendliche in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu begleiten und sie auf ihrem Weg zu unterstützen. Zwar stehen dafür nur 45 Minuten pro Woche zur Verfügung, aber es ist meiner Meinung nach unbestritten, dass Religionsunterricht die Teilnehmenden stärkt. Und Fachlehrpersonen Religion werden zu Ansprechpersonen für ganz unterschiedliche Fragen, sofern sie das Vertrauen der Kinder gewinnen können.
RUL hat dir eine weitere spannende Aufgabe zugespielt: Du bist Testperson für das neue Lehrmittel zum ökumenischen Lehrplan Religion, das im Sommer erscheinen soll. Darf man gespannt sein?
Ja, sehr! Das Lehrmittel ist meiner Meinung nach einzigartig, und ich bin überzeugt, dass es den Unterrichtsalltag erleichtern wird.
Inwiefern?
Es formuliert den Lehrplan in Fragen um: «Was brauchen wir zum Leben?» – so lautet beispielsweise eine der Fragen zum Thema Schöpfung. Oder: «Kann man Weihnachten auch ohne Geschenke feiern?» Die Fragen wecken Neugier sowohl bei den Schülerinnen und Schülern als auch bei den Lehrpersonen.
Viele Unterrichtende hoffen, dass sie mit dem neuen Lehrmittel Zeit sparen können. Ist diese Hoffnung realistisch?
Auch mit dem neuen Lehrmittel wird es nicht reichen, erst kurz vor der Stunde mit der Vorbereitung zu beginnen. Das Vorbereiten braucht nun einmal Zeit. Das Lehrmittel wird aber viel Inspiration zu den Themen des Lehrplans bieten. Eine Stärke wird darin liegen, dass es versucht, den Kern eines Lehrplan-Themas zu umreissen und zu benennen. Zudem sind in einem Anhang die wichtigsten Methoden praxisnah erklärt. Auch bietet das Lehrmittel an die jeweilige Stufe angepasste Hintergrundinformationen. Diese Kombination finde ich sehr spannend. Ich freue mich jetzt schon darauf, zu testen, wie das Lehrmittel bei den Schülerinnen und Schülern ankommt.
Stefan Hügli
Kommunikation
Der Beitrag ist in DIALOG intern 2025-12 erschienen
Bild: Kathrin Josty. Sie hat den Kurs “Religion unterrichten lernen” der Landeskirche besucht.Heute arbeitet sie als Fachlehrperson Religion.
Foto: Stefan Hügli