28.1.2026

Synode und Arbeitstagung

Der assistierte Suizid ist eine grosse Herausforderung für die Seelsorge. Die Bündner Pfarrpersonen haben sich an der synodalen Arbeitstagung in Chur intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt.

„Ist Sterben ein letztes Emanzipationsprojekt?“, fragt Markus Zimmermann, Professor für Theologie und Mitglied der Nationalen Ethikkommission, in seinem Referat über Suizidhilfe in theologisch-ethischer Perspektive. Jährlich nähmen mehr als 5000 Menschen das Angebot für einen assistierten Suizid bei Sterbehilfeorganisationen in Anspruch. Dabei handle es sich überwiegend um schwer kranke Personen im Durchschnittsalter von 75 Jahren, mehrheitlich Frauen, darunter auch Menschen, die dem Leiden und dem Verlust ihrer Selbstständigkeit oder einer bevorstehenden Abhängigkeit zuvorkommen möchten. Die gesellschaftliche Akzeptanz, so Zimmermann, habe durch prominente Fälle wie den assistierten Suizid des Glarner Alt-Ständerats This Jenny zugenommen. Kritische Stimmen, etwa von der Schweizerischen Bischofskonferenz oder der Hippokratischen Gesellschaft, seien hingegen seltener geworden.

Trotz höherer Akzeptanz: Die Debatten sind intensiver und häufiger geworden. Als Beispiele nennt Zimmermann die Diskussion um die Sterbekapsel SARCO, den Zugang zu entsprechenden Angeboten in Alters- und Pflegeheimen, die Verbindung von Suizidhilfe und Organspende oder die Debatte um die Frage, ob auch inhaftierte Personen die Möglichkeit zum assistierten Suizid haben sollten. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts habe sich die Bedeutung des assistierten Suizids grundlegend gewandelt: War Suizidhilfe früher tabuisiert, werde sie heute von Sterbehilfeorganisationen als Akt der Selbstoptimierung und selbstbestimmter Lebensplanung verstanden. „Das Sterben ist zu einem Projekt geworden", sagt Zimmermann, "aus Schicksal wurde Machsal, eine Lebensentscheidung, mit der man sich frühzeitig auseinandersetzt, um sich entsprechend darauf vorzubereiten“.

Zimmermann warnt davor, die Tragik eines Suizids zu verharmlosen: „Auch ein assistierter Suizid bleibt Suizid – eine Handlung, die für Angehörige, Pflegende und das Umfeld zutiefst verstörend sein kann.“ Angesichts von Verzweiflung und Ausweglosigkeit entziehe sich ein Suizid jeglicher moralischen Bewertung. Dennoch bleiben für den Theologen wichtige Fragen offen: “Was muss eine Gesellschaft tun, damit weniger Menschen das Angebot des assistierten Suizids nutzen müssen?” – Zimmermann verweist auf die Fortschritte im Rahmen der Palliative Care. Die zweite Frage: Wie kann vermittelt werden, dass Sterben mehr ist als eine Art von Verlöschen? „Im Sterben geschieht sehr viel“, erinnerte er die anwesenden Pfarrpersonen. Nicht selten näherten sich Familien am Sterbebett wieder an und es komme zu Versöhnungen.

Drei Kurzreferate aus der Praxis boten Einblicke und reichlich Stoff für Erfahrungsaustausch und Gespräche: Prof. Dr. Pfrn. Christina Tuor Kurth, Geschäftsführerin des Pflegezentrums Glienda in Andeer, sprach zum Thema „Assistierter Suizid im Alters- und Pflegeheim – Was bedeutet das konkret?“ Dr. med. Cristian Camartin, Leiter Palliative Care am Kantonsspital Graubünden, referierte über „Palliative Care – Wenn nichts mehr zu machen ist, gibt es noch viel zu tun.“ Und Pfrn. Susana Meyer Kunz, Leiterin der Seelsorge am Universitätsspital Zürich, sprach zum Thema „Der assistierte Suizid als Herausforderung für die klinische Seelsorge.“ Meyer Kunz riet ihren Kolleginnen und Kollegen, über das Sterben in aller Selbstverständlichkeit zu reden. Seelsorge könne heissen, da zu sein und nachzufragen – auch im Umfeld eines assistierten Suizids: “Wie geht es dir damit?” 

Im geschäftlichen Teil der Tagung berieten die Pfarrerinnen und Pfarrer über die Revision der Geschäftsordnung der Synode, die an die AHV-Gesetzgebung des Bundes angepasst wurde. Die Vorlage wurde einstimmig gutgeheissen. Die nächste Synode findet vom 25. bis 29. Juni 2026 in Flims statt.

Stefan Hügli
Kommunikation
 

Bild: “Suizid ist eine menschliche Möglichkeit, die sich der moralischen Bewertung entzieht”: Prof. Dr. Markus Zimmermann an der Synodalen Arbeitstagung in Chur.
Foto: Stefan Hügli