188 Erlebnisse

Lassen Sie sich mit Kopf, Herz und Hand einen neuen Zugang zur einer der 188 Kirchen des Kantons Graubünden eröffnen. Eine Kirchenführung vermittelt kunsthistorische Hintergründe, schafft Bezüge zum christlichen Glauben und ermöglicht persönliche Erfahrungen im Kirchenraum.

Wenn Sie eine Kirchenführung wünschen, wenden Sie sich an das örtliche Pfarramt oder an die Tourismusdestination.

Beschreibung aller evangelisch-reformierten Kirchen in Graubünden (Wikipedia)

"Kirchenmauern sind nicht tot" - mit der Dekanin in der Kirche von Tenna

Ort der Entschleunigung

Die Grabsteine neben der Kirche liegen noch tief im Schnee. Nur grad die obersten Rundungen und Kanten ragen heraus, da und dort ist eine Jahreszahl zu sehen, ein in Stein gemeisselter Buchstabe. „Friedhöfe sind Fried-Höfe“, sagt Cornelia Camichel. Die Pfarrerin und Dekanin der Evangelischen Bündner Kirche trägt eine rote Jacke und lederne Stiefel. Es ist so ruhig hier auf dem Kirchhügel von Tenna, dass sogar zu hören ist , wie die Schneeflocken auf den Boden und auf die Kleider fallen. „Am Ende bleibt der Name“, sagt die Mittvierzigerin, wendet den Blick von den Gräbern weg auf und schaut hinunter ins Tal.

Kirchenmauern sind nicht tot. Sie erzählen von Menschen, von ihrer Art zu leben und das zu gestalten, was ihnen heilig ist, sie erzählen von Bauepochen und Umbrüchen. Als Camichel den Kirchenraum betritt, bleibt sie einfach stehen und lässt den jahrhundertealten Raum auf sich wirken. „Kalt, aber heimelig“ sagt sie und blickt staunend um sich. An der einen Wand sind alte Fresken zu sehen – Darstellungen der Leidensgeschichte Jesu. Ein unbekannter Künstler hat sie vor mehr als 500 Jahren gemalt. Das Ende des Passionszyklus sei nicht der Tod, sondern die Auferstehung, erklärt Camichel und blickt auf das letzte Bild unmittelbar neben der hölzernen Kanzel. An der gegenüberliegenden Wand erzählen Bilder die Geschichte von der Geburt Jesu. Könige, Flucht, ein Kind in Windeln. Wer die Kirche in Tenna besucht, muss zwischen diesen beiden Geschichten hindurch.

Bei einigen Figuren sind die Augen ausgekratzt, auch die Münder. Das sind Spuren des Bildersturms im Nachhall der Reformation. Ein Jammer um die alten Bilder. Aber, nach Aussage von Camichel, auch Ausdruck des unerbittlichen Widerstands gegen die Macht der Lehnsherren und die Abgaben, die sie von der Bevölkerung verlangten. Denn Reformation in Graubünden sei nicht eine rein theologische Umwälzung gewesen, sondern ein Umbruch in weiten Teilen der Gesellschaft. Letztlich ein Kampf um mehr Freiheit und Selbstbestimmung, insbesondere auch gegenüber der Macht des Bischofs. Für die Theologin Camichel ist Reformation auch Symbol dafür, dass immer wieder in Frage gestellt werden müsse, was gottgegeben scheint. Eben solche Freiheit habe sie als Reformierte geprägt und das wolle sie sich erhalten – gerade und auch in Auseinandersetzung mit den biblischen Geschichten.

Auf dem Tauftisch im Chor der Kirche liegt ein offenes Gästebuch. Menschen aus aller Welt haben darin ihre Namen eingetragen, verbunden mit einem kurzem Gruss oder einem Dank für die erlebte Stille. Solche Orte der Stille zu haben, werde in einer 24-Stunden-Gesellschaft immer wichtiger, ist die Dekanin überzeugt. Je ausgeprägter die digitale Erreichbarkeit im Alltag, desto mehr würden Menschen im Urlaub nach Entschleunigung und Sinn suchen. Genau das bietet diese kleine, hoch über dem Talboden in den Hang gebaute Kirche. Ein Wanderweg „unterwegs von Kirche zu Kirche“ verbindet sechs Kirchen zwischen Versam und Thalkirch. Die Kirche in Tenna ist eine davon und überzeugt. Nicht zuletzt durch eine eigenwillige Mischung von Einfachheit und Schönheit.

Stefan Hügli