Mit unsern Gottesdiensten feiern wir den Gott des Lebens. Wir richten unsere Gedanken für das Handeln im Alltag aus auf seine Lebensbotschaft. Wir stärken unsern Glauben und die gegenseitige Verbundenheit im Glauben.

Evangelium als Grundlage. Herzstück der Sonntagsgottesdienste am ersten Tag der Woche ist das Evangelium, die Botschaft von der Kraft neuen Lebens, das Gott wirkt. Dieselbe Botschaft wird auch bei verschiedenen Ereignissen im Laufe eines Menschenlebens ausgesprochen.

Vielfalt der Formen. Neben dem klassischen Predigtgottesdienst gibt es zahlreiche weitere Formen. Sie alle enthalten Elemente, die in einer inneren logischen Ordnung folgen. Diese Ordnung mit ihren Elementen heisst „Liturgie“.

Zwischen Freiheit und Ordnung

Ordnungen als Hilfe zum Feiern. Manche Kirchen (z. B. die römisch-katholische oder die orthodoxen) legen grossen Wert darauf, dass die Liturgie streng bewahrt und möglichst wenig verändert wird. Die reformierten Kirchen gehen mit Liturgie freier um. Sie gehen davon aus, dass sich alle Gottesdienstformen im Laufe der Zeit entwickelt, verändert und weiterentwickelt haben.

Einige Elemente der Liturgie haben ihre feste Form und ihren festen Platz im Gottesdienst. Andere sind variabel. Zwar erarbeiten die reformierten Kirchen der Schweiz von Zeit zu Zeit Liturgiewerke, die den Veränderungen der Zeit und der Umstände Rechnung tragen. Dabei werden nicht allein sprachliche Anpassungen vorgenommen, sondern auch Inhalte neu formuliert und andere Schwerpunkte gesetzt.

Freiheit im Umgang mit Liturgien. Reformierte Liturgiewerke stellen Raster und Formulare für unterschiedliche Feiern zur Verfügung. Pfarrerinnen und Pfarrer sind jedoch in deren Gebrauch frei. Sie können Vorlagen unverändert übernehmen, sie ergänzen, neu strukturieren oder lediglich einzelne Formulierungen auswechseln. Sie können aber auch liturgische Stücke selber gestalten. Solche Freiheit in liturgischen Belangen ist in unsern besonders autonomieliebenden Bündner Kirchgemeinden äusserst wichtig und wertvoll. Sie erlaubt es, auf lokale Traditionen und Gepflogenheiten Rücksicht zu nehmen und einzugehen. Pfarrerinnen und Pfarrer, die nicht in der Bündner Kirche grossgeworden sind, tun gut daran, sich mit Besonderheiten vertraut zu machen und mit ihnen behutsam umzugehen.

Ein reformierter Gottesdienst in Graubünden kann in etwa die folgende Struktur haben:
Einläuten
Musik zum Eingang
Eingangswort und Gruss/Begrüssung
Gemeindelied
Gebet
Schriftlesung
Lesungslied
Predigt/Verkündigung
Zwischenspiel
Predigtlied
Gebet
Abkündigungen
Segenswort
Schlusslied
Musik zum Ausgang, Kollekte
Ausläuten

Liturgiewerke

Bündner Liturgiewerke. Die Bündner Synode hat eine eigene Liturgiekommission. Diese erarbeitet eigene liturgische Materialien in deutscher Sprache. 1983 erschien die Bündner Liturgie als Ringordner. 2003 folgte ein zweiter Ordner mit Liturgien für Feiern zu besonderen Lebenslagen, welcher 2019 ergänzt wurde.

Für romanisch- und italienischsprachige Gegenden bestehen eigene Liturgien: 1974 erschien eine italienischsprachige Liturgie, die von einer Liturgiekommission des Kolloquiums VII Engiandin’Ota – Bregaglia – Poschiavo – Surses erarbeitet worden war; 1979 gab das Kolloquium I Ob dem Wald mit Unterstützung der Fundaziun Anton Cadonau per cultivar il romontsch en baselgia einen Liturgieordner für die Surselva heraus; 1982 erschien unter der Herausgeberschaft des Kolloquiums VIII Engiadina Bassa e Val Müstair ebenfalls ein Liturgieordner. Dieser ist explizit auch als Hilfe und Erleichterung für Pfarrerinnen und Pfarrer gedacht, die von auswärts kommen.

Deutschschweizer Liturgiewerke. Die Liturgie- und Gesangbuchkonferenz der Evangelisch-reformierten Kirchen der deutschsprachigen Schweiz hat für die reformierten Kirchen der Deutschschweiz eine ganze Reihe von Liturgiewerken veröffentlicht. Wie die Bündner Liturgien gehören sie in die Pfarramtsbibliothek jeder Kirchgemeinde.

evtl. Hinweis auf die „Reformierte Liturgie“ von Peter Bukowski

Bibeln, Perikopen, Gesangbücher

Bibelübersetzungen. In den Deutschschweizer Kirchen haben seit der Reformation eigene Bibelübersetzungen Verwendung gefunden. Die Zürcher Bibel hat in unserer Kirche einen weit höheren Stellenwert als die Lutherbibel. Romanische und italienische Übersetzungen: xyz. Italienisch (gemäss Auskunft von Simona): La sacra Bibbia und Nuova Riveduta 1994, a cura della Società Biblica di Ginevra

Festlegung der Predigttexte. Ein Charakteristikum der Reformation in der Schweiz war auch der Verzicht auf Perikopenordnungen, das heisst auf Listen, die jedem Sonntag im Kirchenjahr bestimmte Abschnitte aus der Bibel verbindlich zuordnen. Die vielerorts gepflegte fortlaufende Auslegung ganzer biblischer Bücher zeigt heute noch ihre Wirkungen in unserer Kirche: Die Pfarrerinnen und Pfarrer sind in der Auswahl der Predigttexte und weiterer Abschnitte für den Gottesdienst frei.

Gesangbücher. In den deutschsprachigen Kantonsteilen findet das Gesangbuch der Evangelisch-reformierten Kirchen der deutschsprachigen Schweiz (kurz: das Reformierte Gesangbuch, abgekürzt: RG) Verwendung, in der Surselva das Gesangbuch „Canzuns Choralas per la baselgia evangelica romontscha“, im Engadin und im Münstertal „Il Coral“, und in den italiensichsprachigen Südtälern das „Innario Cristiano“.

(Weiteres dazu in der Rubrik Kirchenmusik)

Liturgische Kleidung

Scalettamantel. Die Bündner Kirche kennt als „Talar“ traditionell den Scaletta-Mantel. Er ist ein schwarzer Umhang, der über dunkler Kleidung getragen wird, vorne aber nicht geschlossen ist. In einigen Kirchgemeinden ist ein solcher Mantel vorhanden und Gemeindeeigentum. Wer sich einen persönlichen Scaletta-Mantel anfertigen lassen möchte, erhält Adressen von Schneiderateliers beim Aktuariat des Kirchenrates.

Nicht obligatorisch. Jede Pfarrerin und jeder Pfarrer kann über das Tragen eines Talars frei entscheiden. Das Tragen anderer Talare, z. B. eines „Luthertalars“ mit Beffchen, ist möglich.