20.8.2018

Innovation heisst, Leute miteinander zu verbinden. 60 Kirchgemeindeverantwortliche kamen an die „Zukunftstagung“ in Schiers.

„Würde Jesus seine Jünger heute in Facebook suchen?“, fragte Kirchenratspräsident Andreas Thöny und ermunterte die Kirchgemeindeverantwortlichen, sich mutig für eine Kirche von morgen einzusetzen. Die Evangelisch-reformierte Landeskirche Graubünden ist mit 66‘000 Mitgliedern die zweitstärkste Religionsgemeinschaft im Kanton Graubünden. Allerdings hat sie während der letzten zwölf Jahre je ein Prozent ihrer Mitglieder verloren. Neben dem Mitgliederrückgang ortet Thöny zusätzliche Risiken durch den Wandel beim Religionsunterricht, dem schwindenden Wissen über Religion in der Öffentlichkeit und bei der Tatsache, dass es oft nicht einfach sei, Pfarrämter und Kirchgemeindevorstände geeignet zu besetzen. Thöny wünscht sich eine Kirche mit klarem Profil und starken Netzwerken vor Ort.

Zukunft durch Partizipation. Die Tagung im Bildungszentrum Palottis in Schiers ermunterte die Kirchgemeindeverantwortlichen mehr Menschen zu Beteiligten zu machen und Kirche als Raum zu verstehen, in dem Neues entstehen kann. „Leute zusammentrommeln, Ideen generieren und etwas draus machen“, sagte etwa der Sarganser Gemeinderat Roland Wermelinger. Das funktioniere. Der Sarganser Städtlimarkt sei so enstanden, auch das „Fest der Kulturen“, und beides habe die Erwartungen weit übertroffen. Ein zweites Beispiel präsentierten Corina Hungerbühler und Claudia Lips Furler aus der Kirchgemeinde Kloten. Sie zeigten ein Luftbild ihrer Kirche mit Spielplatz und Liegestühlen im Pfarrgarten. „Wir richten uns gezielt an Familien“, sagte Hungerbühler. Symbol dafür sei das von einem jungen Designer in einer Jurte gestaltete „Café Himmelblau“. Dieses wurde vor zwei Jahren eröffnet und ist mittlerweile zu einem beliebten Ort der Vernetzung, des Austauschs und Quelle frischer Ideen geworden ist. Die Freiwilligenarbeit, die hier geleistet wird, kommt allen zu gut, auch die Kirche wurde mit vier „Gestaltungsräumen“ familienfreundlich eingerichtet. Mit Instagram und Facebook ist die Arbeit auch in den Sozialen Medien präsent.

Kirchgemeinden gestalten Lebensraum – auch in Randgebieten. Kirchgemeinden seien Netzwerke, die mithelfen könnten, Regionen zu entwickeln. Das unterstrich Professor Ralph Kunz vom Zentrum für Kirchenentwicklung der Universität Zürich. Die Tatsache, dass Kirche zur Zeit an Grösse und Bedeutung verliere, müsse kein Nachteil sein, sagte Kunz. Am Beispiel von Mecklenburg-Vorpommern zeigte er auf, was geschehen kann, wenn das Modell Landeskirche an Grenzen stösst: zu hohe Unterhaltskosten für die Gebäude, zu grosse Kirchgemeinden mit „ausgedünnten“ Diensten, zu viele Burnouts beim Personal. Das habe aber erstaunlicherweise nicht zum Ende des Kirchgemeindelebens geführt, im Gegenteil. Angesichts der Krise hätten vielerorts Laien begonnen, sich für „ihre“ Kirche einzusetzen. Anstelle von bezahlten Mitarbeitenden zeigten sich Freiwillige mitverantwortlich für das Wohl der Gemeinschaft. Solcher „Bürgersinn“ ist nach Meinung von Kunz für eine Kirche der Zukunft wichtig. Ebensowichtig sei auch, dass „Gemeinschaftszellen“ entstünden, in denen die Freude am christlichen Glauben gelebt und gefeiert werde. „So bleibt Kirche im Dorf und es ensteht eine positive Dynamik“.

In diversen Workshops hatten die Teilnehmenden Gelegenheit, sich lösungsorientiert über aktuelle Fragen in den örtlichen Vorständen auszutauschen. Zum Beispiel über Freiwilligenarbeit, gemeinsame Gemeindeleitung oder über Organisatorische Belange der Vorstandsarbeit. Einen eindrücklichen „Blick über den Tellerrand“ ermöglichte die Begegnung mit Lernenden der Trumpf Schweiz AG in Grüsch.

Stefan Hügli

Bild: 60 Kirchenverantwortliche aus 38 Kirchgemeinden. Ruth Flury, die Kirchgemeindepräsidentin von Schiers, begrüst die Teilnehmenden.
Foto: Chloé Garcia