Bizarre Welt aus Ventilen, Schläuchen, Bälgen und Pfeifen

Wen Stephan Thomas ins Innere der Orgel der Martinskirche in Chur führt, den oder die führt er zu einer schmalen, rot umrandeten Tür. Er öffnet diese mit einer Art Schraubenschlüssel und mahnt, den Kopf tief zu halten. Und tatsächlich: Erst geht es einige Stufen hinunter in einen Raum mit viel Mechanik: da gibt es Blasbälge, die mehrere Kubikmeter Luft in sich zu fassen vermögen, es gibt Schläuche, Züge, Ventile – und mittendrin hängt an einem Bügel ein schwarzer Anzug mit weissem Hemd. Seit 30 Jahren sei er hier Organist, sagt Stephan Thomas, steigt eine schmale Holztreppe hoch und öffnet eine kleine Falltür. „Hier passt nicht jeder durch“, sagt er augenzwinkernd, gibt sich einen Ruck und entschwindet. Ich folge ihm. Die Treppe fühlt sich steiler an als erwartet, und die Luke erinnert mich an die Estrichtür im Haus meiner Grosseltern – nur viel kleiner.

Atemberaubend. Was ich oben zu sehen bekomme, übertrifft alle Erwartungen. Der Anblick ist atemberaubend – eine filigrane Welt aus Holz, Zinn und Blei. Alles scheint senkrecht nach oben zu zeigen. Zudem sind hier die alten Kirchenfenster fast zum Greifen nah. So habe ich die Martinskirche noch nie gesehen. Stephan Thomas balanciert auf schmalen Brettern ohne Geländer durch eine Pfeifenlandschaft sondergleichen. Ungefähr 2700 Stück seien es, doch gezählt habe er sie nie. Ich erfahre: Ob eine Pfeife aus Holz gebaut sei oder aus Metall, habe erstaunlicherweise relativ wenig Einfluss auf deren Klang. Früher seien Pfeifen oft aus Holz hergestellt worden, weil Metall teuer war, teurer als die Arbeitsstunden der Orgelbauer. Und nein, es stimme nicht, dass man hier oben Wind spüre, wenn die Orgel gespielt werde. Dafür sei der Luftdruck an den Pfeifen zu klein.

Klangvielfalt und Stolz. Seine Leidenschaft für diese Königin der Instrumente kann Stephan Thomas nicht verbergen. Eine „Kuhn-Orgel“ sei es, gebaut 1868 als vierte Orgel des bekannten Schweizer Orgelbaus. „Eine Orgel ist wie ein Orchester“, schwärmt er, ein Tastendruck genüge, um es spielen zu lassen. Und tatsächlich: Alles, was hier oben zu sehen ist, kann er während eines Konzertes oder eines Gottesdienstes vom Spieltisch aus bedienen. Schier beliebige Kombination von Pfeifen kann er zum Klingen bringen – so wie es die Musik und die Situation erfordert, in unzähligen Klangfarben, mal nasal, mal mit vollem Klang, mal mit kraftvollen Bässen, bei Bedarf auch fortissimo. Dass er stolz darauf ist, auf dieser besonderen Orgel spielen zu dürfen, ist keine Frage – das sieht man. Es gebe viele gute Organisten, meint Stephan Thomas, doch nur wenige hätten die Gelegenheit, auf einem solch schönen und auch denkmalpflegerisch bedeutenden Instrument zu spielen.

Stefan Hügli

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