2.1.2019

Es ist ein Schauspiel der besonderen Art an diesem Neujahrsabend auf dem Kirchhügel von Tamins. Das Licht der Scheinwerfer steigt den schlanken Kirchturm empor, hüllt ihn ein und macht ihn von weither sichtbar. Doch wie zur Feier des besonderen Augenblicks steigt das Licht heute unbekümmert über die Turmspitze hinaus und zeichnet die Silhouetten des Kirchturms ins dunkle Grau der tiefhängenden Wolken. Zwei, ja, drei Türme scheinen schwerelos über Tamins zu schweben. Darunter, in der Talmitte, windet sich der Verkehr durch die engste Stelle zwischen Berg, Rhein und Bahn.

Als die Glocken ertönen, folge ich einer Gruppe von Frauen und Männern zum Neujahrsgottesdienst. Dieser beginnt mit einem eindrücklichen Moment der Stille. Welcher Gegensatz zwischen draussen und drinnen. Dann die Schritte der Pfarrerin in die Stille hinein, der Blick nach vorne, die Kraft einzelner Worte. „Ich will“, sagte die Pfarrerin, mit diesen zwei Worten lasse sich ein neues Jahr beginnen. Ich lasse die Worte auf mich wirken, was mir leicht fällt in der Weite des Kirchenraums. Alles habe Platz, meint die Pfarrerin: „Sehnsucht nach dem Ganzen“, „Klarheit, Verletzlichkeit, Mut“ und das „Ringen um Schalom“.

Ich bleibe noch einen Moment sitzen, geniesse die Leichtigkeit der Spitzbögen und die Wärme der Farben. „Vertraut den neuen Wegen“ hat die Gemeinde gesunden. Eine Frau fotografiert mit dem Smartphone eine Seite aus dem Gesangbuch – als Reminder für unterwegs. Draussen im Vorraum wünschen sich die Gottesdienstbesucher nur das Beste für das kommende Jahr. Ja, Gesundheit sei wichtig, das Wichtigste sogar, und Zufriedenheit. Man kennt sich hier offensichtlich. Ich blättere im Gästebuch, das auf einem Stehpult aufgelegt ist, und lese darin den einen oder anderen Eintrag: Erstaunen über die schlichte Schönheit dieser Kirche, Dank für Erlebtes, Grüsse von Gästen aus aller Welt.

Die fliegenden Türme sind jetzt nicht mehr zu sehen. Ich gehe den Kirchweg hinunter ins Dorf, werfe einen Blick auf das Geburtshaus des religiös-sozialen Theologen Leonhard Ragaz, steige aufs Fahrrad und rolle hinunter zum Rhein. Dort halte ich nochmals inne und beobachte, wie alles in Bewegung ist: das Wasser, die Personenwagen, die Züge und mit ihnen Tausende von Menschen. Alles fliesst, das ist hier auf dieser Brücke keine Frage. Vertrauen? Leben mit positivem Blick? Während ich die Lichter und deren Spiegelung im Wasser betrachte, sage ich „ich will“ und trete in die Pedalen.

Stefan Hügli

Bild: Neujahrsgruss – Blick in den nächtlichen Himmel über Tamins.