2. März 2020

Zum Tag der Kranken

Emsiges Treiben in der Kapelle des Kantonsspitals in Chur. Lange bevor der Gottesdienst beginnt, sitzen schon einzelne Patientinnen und Patienten da,  lassen den Raum auf sich wirken oder erzählen einander von ihrer Krankheitsgeschichte. Ich blicke nach vorne und sehe ein Holzkreuz inmitten von herabfallendem Licht. Es gibt hier Kerzen und eine „Klagemauer“ aus Ziegelsteinen mit unzähligen farbigen Zetteln.  Hinten im Raum ist ein Gebetsteppich ausgerollt und auf einem Regal stehen Heilige Schriften verschiedener Religionen. Dass in diesem Raum schon viel gehofft und gebetet wurde, spüre ich. Eben wird ein Patient auf einem Spitalbett hereingeführt. Zwei Beutel Infusionsflüssigkeit hängen über ihm.

„Ich bin mehr als meine Krankheit“, begrüsst Pfarrerin Renata Aebi die Anwesenden. Aebi wird heute als neue Spitalseelsorgerin eingesetzt – zusammen mit ihrem Kollegen Daniel Blättler. Die beiden erleben tagtäglich, wie einschneidend eine Krankheit sein kann – für die Betroffenen ebenso wie für deren Umfeld. „Krankheit prägt“, meint Aebi, „und  fordert heraus“. Oft müssten Menschen aufgrund ihrer Diagnose eine ganz neue Sicht auf das Leben finden. Die Seelsorgerin will dabei der Seele Raum geben. Und Zeit zum Gespräch.

In ihrer Predigt zeigt Aebi eine schwarze Schale – „leider eines Tages zerbrochen“, erzählt sie. Auf Anraten einer Freundin hat sie die Scherben einer Künstlerin anvertraut. Diese hat die Fugen gekittet und die Risse mit Goldlack übermalt. Ein neues Kunstwerk sei so entstanden – mit einzigartiger Geschichte. Von der „Spur der Verletzlichkeit“ sprach auch Daniel Blättler – und von der Versuchung, das Leben allein von seiner unversehrten Seite her betrachten zu wollen. Die Welt im Spital zeige eine andere Wirklichkeit und erfordere eine weitere Sicht.

Neues Seelsorgeteam. Mit der Einsetzung der beiden Pfarrpersonen ist das Seelsorgeteam im Kantonsspital wieder komplett – zusammen mit Pfr. Jörg Büchel und Pfrn. Ivana Walser. „Ich habe Freude, dass wir in der Seelsorge ein so gutes Team haben“, sagt Regula Rigort, Leiterin Fachbereiche und Dienste. Das Seelsorgeteam biete den Patientinnen und Patienten an, ein Stück Weg mitzugehen und danach zu fragen, was gut tue. „Spiritualität ist wichtig im Spital“, sagt Rigort –  mit offenem Geist und Achtung vor weltanschaulichen und religiösen Überzeugungen.

Raum für die Seele. „Nada te turbe, nada te espante“, singt die Spitalgemeinde –  nichts solle ängstigen, nichts quälen. Hier in der Kapelle haben diese Worte eine ganz neue Bedeutung und die gebrochenen Stimmen wirken authentisch und schön. Der Gottesdienst zum Tag der Kranken ist übrigens die letzte grosse Feier in dieser Kapelle. Demnächst wird auch dieser Teil des Kantonsspitals neu gebaut – die Bagger werden schon bald auffahren. Ein passender Raum für Stille und Gebet soll auch im Neubau wieder entstehen.

Stefan Hügli
Kommunikation

Bild: Die neuen Seelsorgenden: Pfrn. Renata Aebi (evangelisch) und Pfr. Daniel Blättler (katholisch)