29.1.2018

Impulse für die gottesdienstliche Praxis

„Schlicht und schnörkellos“ sei die reformierte Liturgie – und gerade darum alles andere als leichte Kost, sagte Dr. Katrin Kusmierz an der synodalen Arbeitstagung in Chur. Die Leiterin des Kompetenzzentrums Liturgik der Universität Bern zeigte vor rund 150 Organisten, Chorleitern und Pfarrpersonen auf, wie sich die reformierte Liturgie im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hat – von den Anfängen der Reformation in Zürich und Genf bis heute. Charakteristisch für die reformierte Liturgie ist, dass sie die Predigt ins Zentrum stellt.

Priorität des Unsichtbaren. Noch heute gehen mancherorts traditionelle Reformierte „z’Predigt“ – nicht etwa in den Gottesdienst. Das heute in der Schweiz am weitesten verbreitete reformierte Gottesdienstmodell geht auf die Zürcher Liturgie aus dem Jahr 1968 zurück. Demnach hat die reformierte Liturgie fünf Teile: Sammlung, Anbetung, Verkündigung, Fürbitte und Sendung. Diese seien wie ein Weg, den die Gemeinde durchschreite, sagte Kusmierz. Die Liturgien der Bündner Kirche stammen aus den Jahren 1979 und 1987.

Liturgische Vielfalt. In Graubünden habe es nie eine einheitliche reformierte Gottesdienstordnung gegeben, sagte demgegenüber der Kirchenhistoriker Jan-Andrea Bernhard. Grund dafür ist die Mehrsprachigkeit des Kantons. Die deutsch- und romanischsprachigen Regionen waren in Sachen Liturgie von Zürich her beeinflusst, die Südtäler dagegen von Genf. Aufgrund der zerklüfteten Topographie hielten sich in Graubünden lokale Eigenheiten länger als anderswo. Selbst zentrale theologische Begriffe würden je nach Region, ganz unterschiedlich „konnotiert“. Das Verständnis von Abendmahl zum Beispiel sei im deutschsprachigen Raum mit Gemeinschaft und Erinnerung verknüpft, im romanischen dagegen mit einem Akt der Busse.

Wider die Beliebigkeit. „Ist Graubünden ein theologisches Afrika?“, fragte Bernhard provokativ und forderte von den Pfarrpersonen mehr liturgische Verbindlichkeit. Kritisch stellte er zur Diskussion, ob liturgische Texte abgeändert werden dürfen, nur weil sie dem Liturgen nicht passen. Neu sei diese Frage nicht, sagte der Kirchenhistoriker. Schon die Bündner Liturgie aus dem Jahr 1941 hätte um die Vielfältigkeit liturgischer Praxis in der Bündner Kirche gewusst. Sie schlug darum vor, zumindest Taufe und Abendmahl verbindlich und in immer gleicher Form zu gestalten.

Übungen. Wie sehr Musik und Wort sich in einem Gottesdienst miteinander vebinden, zeigten die Workshops am Nachmittag. Chorleiter Mauro Ursprung machte beispielsweise vor, wie eine Gemeinde zum Singen motiviert oder wie ein Kanon angestimmt werden kann. Kirchenmusiker Ulrich Weissert zeigte die Vielfalt reformierten Liedguts vom Psalmengesang bis zu Chorälen der Südtäler aus der waldensischen Tradition. Und Pfarrer Peter Wydler machte sich Gedanken darüber, wie im Gottesdienst Gewohntes ungewohnt gestaltet werden kann.

Mach mal Pause. Nicht zuletzt geht es in der Gestaltung von Gottesdiensten um Rhythmus und Gestik. „Üben Sie sich darin, den Resonanzraum wahrzunehmen und zu gestalten“, redete Katrin Kusmierz den Anwesenden ins Gewissen, „und machen Sie Pausen“. Wo dieser Kunst nachgelebt werde, könne in aller Schlichtheit viel Schönes entstehen.

Stefan Hügli

Bernhard, reformierte Liturgie in Graubünden (Präsentation)

Bild: „Auch Übergänge und Pausen sind wichtig“ – Dr. Katrin Kusmierz redet zu Kirchenmusikern und Pfarrpersonen