Eckig, aber respektvoll

Als Toni Schneider 1971 vom Unterland ins romanischsprachige Brigels zog, suchten er und seine junge Familie Anschluss an eine reformierte Gemeinde. In Disentis, so hörte er, eine halbe Autostunde entfernt, gebe es einen Verein. Der sei steuerlich günstig, weil ihn die Kraftwerke Vorderrhein unterstützten, und deutschsprachig. „Wir dachten: Das ist sicher eine Sekte“, erinnert sich der Architekt. In Wirklichkeit handelte es sich um die Evangelische Vereinigung der Cadi, eine kleine Gemeinschaft reformierter Kraftwerksarbeiter und Ferienwohnungsbesitzer. „Wir wurden schriftlich zum Gottesdienst in die Baracke des Kraftwerks eingeladen“, so Toni Schneider, „und wenn wir nicht gingen, meldeten wir uns ab.“

Reformiert zu sein in der katholischen Surselva, sei von gegenseitiger Unsicherheit begleitet. „Wir haben einen guten ökumenischen Weg gefunden“, sagt Toni Schneider, „aber nur, weil wir nicht das Gefühl hatten, wir müssten die Welt verändern.“ Heikel wurde es etwa, als der Verein sich 1984 zu einer der jüngsten Kirchgemeinden der Bündner Landeskirche formierte und eine eigene Kirche bauen wollte. Der geplante Bauplatz in der Nähe des dominierenden Klosters musste fallengelassen werden, mit Hilfe der politischen Gemeinde fand man einen Ort im Industriegebiet, auf einer ehemaligen Müllhalde.

„Natürlich war diese Symbolik schwierig“, sagt Toni Schneider, der als Architekt den Auftrag zum Bau der Kirche erhielt. „Ich habe überlegt: Müssen wir uns anpassen? Sollen wir das Gebäude tarnen?“ Sein realisierter Entwurf geht einen anderen Weg: Das nach ökologischen Kriterien gebaute Gemeindezentrum spielt mit den fünf Elementen der Natur. So betritt man das Gelände über die „Brücke der Unsicherheit“ und stösst dann auf den „Stein des Anstosses“, bevor man das Pfarrhaus oder Gemeindezentrum erreicht.

Für Toni Schneider zeigt diese Symbolik nicht nur die Situation der jungen reformierten Gemeinde, sondern grundsätzlich die Existenz eines Christen. Wohl jeder Mensch komme aus der Unsicherheit und suche nach festem Boden. „Wenn aber die Kirche nicht ein Stein des Anstosses bleibt, dann verliert sie an Kraft“, ist er überzeugt. Für eine reformierte Minderheit könnte das heissen, dass ihre Ideen bisweilen zu schnell oder fortschrittlich seien, aber dann brauche es eben Zeit. Toni Schneider: „Wenn wir respektvoll bleiben, dann mag es gut leiden, wenn Reformierte etwas eckig sind und ein Stein des Anstosses bleiben.“

Reinhard Kramm
Oktober 2017