20. Februar 2020

Der Architekt Jacques Herzog hat Entwürfe für die erste Autobahnkirche der Schweiz vorgestellt.

Wer vom Kirchhügel in Andeer zur anderen Talseite hinüberschaut, sieht den Nordsüdverkehr wie er sich durchs enge Tal windet. Unweit von hier, etwas oberhalb des Dorfes, soll die erste Autobahnkirche der Schweiz entstehen. So die Vision der IG Autobahnkirche Andeer – Val Schons. Eine Stammtischidee zwischen Gemeindepräsident und Dorfpfarrer sei es zu Beginn gewesen, sagte Hans-Andreas Fontana anlässlich der Präsentation des Vorprojekts, ein „Leuchtturm für die ganze Region“ soll es werden. Die Idee einer Autobahnkirche finde auch in der Bevölkerung Unterstützung, nicht zuletzt deshalb, weil damit ein Vollanschuss des Dorfes an die A13 verbunden ist.

Tal der Kirchen. In kaum einer anderen Region des Kantons Graubünden gibt es so viele Kirchen wie im Schams – unter ihnen berühmte  wie diejenige von Zillis mit einzigartiger Bilderdecke. Doch die Autobahnkirche sei etwas anderes, meint der Dorfpfarrer Jens Köhre. Mit ihr wolle man an die Tradition der Wegkirchen anknüpfen. Ein Ort der Stille, der einlädt zu einem kurzen Halt unterwegs, zu Einkehr und Gebet, soll es werden. „Das Bedürfnis ist da, keine Frage“ ist Köhre überzeugt. In Deutschland gibt es über 40 derartige Kirchen – mit jährlichen Besucherzahlen zwischen 10‘000 und 350‘000.

Neue Formen. Der Interessensgruppe ist es gelungen, das renommierte Architekturbüro Herzog & de Meuron aus Basel für die Idee zu begeistern. Im Hotel Fravi zeigte Jacques Herzog nun erste Skizzen und Visualisierungen – Zeugen intensiven Arbeitens an neuen Formen ohne Anlehnung an die klassischen Formen der Kirchenarchitektur. „Viel Scheitern und Suchen“, sagte er – bis endlich die Idee kam, die weiterführte. Seine Skizzen zeigen Räume, die in Anlehnung an das menschliche Ohr gestaltet sind. Demnach gelangen die Besuchenden nach kurzem Spaziergang über eine schneckenförmige Wendeltreppe in einen trichterförmigen Erdraum. Drei Räume sind geplant: ein erster, der von oben beleuchtet ist und in dem eine Bibel aufliegt, ein zweiter mit Kerzen, wobei sich das Kerzenlicht an der matten Oberfläche spiegelt und ein dritter, in dem persönliche Anliegen in ein Buch geschrieben werden können.

Mehr wahrnehmen. „Wir suchten nach einer Architektur, welche die sinnliche Wahrnehmung des Menschen schärft“, sagte Herzog – und zwar in Bezug auf den Ort, die Natur und auf sich selbst. Der Bau solle Kraft ausstrahlen und zum Entdecken und Verweilen einladen. Von der Autobahn her gesehen wird er sich spielerisch leicht präsentieren – als Komposition von vier Platten, die jede für sich in der Landschaft stehen und doch aneinander anlehnen. „Dienend und bedienend zugleich, den Blick zum Himmel frei“.

Finanzierung offen. „Und die Kosten?“, wollte nach der Präsentation jemand wissen. Eine genaue Zahl zu nennen sei verfrüht, heisst es seitens der Interessengemeinschaft. Doch es gebe auf der Welt viele wohlhabende Menschen. „Wir hoffen, dass sich jemand in die heute vorgestellte Idee verliebt“. Die beiden Landeskirchen haben sich am Vorprojekt mit je 5000 Franken beteiligt. Bau und Betrieb der Autobahnkirche sollen jedoch auf privater Basis erfolgen.

Stefan Hügli

 

Bild: „Durchgängig und offen“ – der Rohbau für die Autobahnkirche könnte schon im Jahr 2022 stehen.
Visualisierungen: Herzog & de Meuron.