Neue Ausbildung für Fachlehrpersonen Religion

«Was, du unterrichtest Religion? Ist das nicht sehr undankbar?», fragte mich eine Mutter vor zwei Jahren, als ich in Lenz die 5. Klasse übernahm. Ich verzichtete darauf zurückzufragen, ob der Beruf der Mutter – sie ist Treuhänderin – dankbarer wäre. Stattdessen beschrieb ich ihr die interessanten Themen im Religionsunterricht, die vielfältigen Methoden und die Begegnung mit den Kindern im Theologisieren. Selbstbewusstsein und Wertschätzung für den Beruf als Fachlehrperson Religion entwickelte sich bei mir nicht nur durch Berufserfahrung, sondern gerade auch während einer guten Ausbildung.

Damit die Ausbildung für Fachlehrpersonen dieses Selbstbewusstsein fördert, werden Präsenz und Persönlichkeit ein wichtiges Thema im neuen Konzept OKTAV (Ostschweizer kirchlich-theologischer Ausbildungsverbund der Evangelisch-reformierten Kirchen von Graubünden, St. Gallen, Thurgau und Appenzell) sein. Im August 2020 soll der nächste Ausbildungsgang starten und neue Themenschwerpunkte im pädagogischen Teil enthalten. Mir war es wichtig, folgende Zielsetzungen in das neue Konzept einzubringen:

  • In der Schule professionell auftreten. Um in der Schule, im Lehrerkollegium und im Austausch mit Eltern professionell aufzutreten, ist pädagogisches Wissen und theologische Kompetenz entscheidend. Gemeinsame Begrifflichkeiten im Gespräch mit Klassenlehrpersonen zu verwenden und Eltern die Unterrichtsgestaltung kompetent erklären zu können, verhilft zu einem professionellen Auftritt in der Schule. Daher werden Themen wie «Lernen und Entwicklung», «Wahrnehmungspsychologie» oder «Erziehungsbilder» zu zentralen Grundlagen in der pädagogischen Ausbildung. Diese Module sind an die aktuellen Studienpläne der Pädagogischen Hochschulen Graubünden und Zürich (Primarschulausbildung) angelehnt. Für zukünftige Auszubildende im Fach Religion schafft diese Anlehnung eine pädagogische Kompetenz analog zur Lehrerausbildung.
  • Religionsunterricht ansprechend gestalten und überzeugend präsentieren. Um Religionsunterricht ansprechend gestalten zu können, braucht es nicht nur Motivation für ein Thema oder die Freude an der Begegnung mit Kindern und Jugendlichen. Das Wissen um Konzepte und Ansätze in der Religionspädagogik ist ebenso notwendig wie eine Vertiefung in kompetenzorientierter Unterrichtsplanung (siehe Lehrplan Religion). Mit den Themen «Lernprozesse gestalten» (Kompetenzorientierung), «Lernressourcen nutzen» (Methodenrepertoire, digitale Medien) und «Ganzheitliches Fördern und Beurteilen» (Formen von Beurteilung, Motivation und Begleitung) wird diesem Anspruch im neuen Konzept OKTAV Rechnung getragen. Zudem werden aktuelle Herausforderungen in Schule und kirchlicher Bildungsarbeit mit den Themen «Inklusive Bildung» (Umgang mit Heterogenität) und «Klassenführung» (Führungsstile, Lernprozesse in Gruppen) akzentuiert.
  • Für Religionsunterricht und Gemeindebilden kompetent werden. Nebst der Qualifikation für den Religionsunterricht auf Primar- und Oberstufe ermöglicht der Themenbereich «Projektplanung und Entwicklung» (für kirchliche Bildungsarbeit in Schule und Kirchgemeinde) eine Vertiefung in die Möglichkeiten von Gemeindebilden. Gerade die Umsetzung des Modells «1 plus 1 plus x» erfordert Kompetenz in Projektplanung, um Ideen in überzeugende Bildungsformen und religiöse Erlebnisse umzusetzen. Ein überkantonaler Austausch während der Ausbildungszeit wird dabei zur Bereicherung und zum Anstoss für Neues.

Chancen der Ausbildung. Pädagogische Zielsetzungen der Ausbildungsleitung (kantonale Fachstellen) sind das eine. Was aber sind die Chancen für die Teilnehmenden des Ausbildungsgangs? Im neuen Konzept OKTAV wird es möglich sein, die Qualifikation für Primar- und Oberstufe innerhalb von drei Jahren zu erreichen. Die Ausbildung kann berufsbegleitend absolviert werden und der praktische Teil wird kantonal angeboten. Eine konstruktive, gewinnbringende fachliche Begleitung durch die Fachstelle Religionspädagogik (von meiner Seite) ist dabei zentral. Die Grundlage für die theologische Sachkompetenz bleibt in Graubünden der Theologiekurs. Durch den modularen Aufbau der Ausbildung sind die Kurstage offen für weitere Interessierte (Pfarrpersonen, SozialdiakonInnen, Fachlehrpersonen Religion). Einzelne Inhalte können so als Weiterbildung belegt werden. Diese Ziele und Chancen in der neuen Ausbildung OKTAV aufzuzeigen und Interessierte für den neuen Ausbildungsgang zu gewinnen, werden zur Herausforderung für die Bewerbung des Ausbildungsgangs ab Herbst 2019.

Offen bleiben für Neues. Am 23. Juni 2019 werden Barbara Hirsbrunner und Karin Last ihre Ausbildung zur Fachlehrperson Religion Oberstufe (Zyklus 3) im aktuellen Ausbildungsgang OKTAV (Oberstufe) abschliessen. Mit dem Diplom erwerben sie die Unterrichtsbefähigung für das Fach ERG-Kirchen in St. Gallen und Thurgau und Graubünden. Insgesamt schliessen zwölf Fachlehrpersonen Religion und Pfarrpersonen diese Ausbildung ab. Nach langjähriger Erfahrung auf der Primarschulstufe haben sich beide der Herausforderung von Begleitung und Beurteilung im Unterricht auf der Oberstufe gestellt. Im April 2019 konnten sie ihre Prüfungslektion erfolgreich bestehen. Sich trotz mehrjähriger Berufserfahrung einem Teamteaching und einer kritischen Beurteilung von Unterricht zu stellen, erfordert Offenheit. Es erfordert Offenheit, sich mit Neuem in den aktuellen Unterrichtskonzepten auseinanderzusetzen. Herzliche Gratulation an Barbara Hirsbrunner und Karin Last für diese Offenheit und die Ausdauer während der Ausbildungszeit.

Über kantonale Grenzen sehen und gehen. Nach den beiden Ausbildungsgängen 2014–17 und 2017–19 wird das Ziel für die zukünftige überkantonale Zusammenarbeit sein, die Synergien der Fachstellen in der Ausbildung zu nutzen und ein reformiertes Bildungsverständnis zu stärken. Die Positionierung im Beruf Religionslehrperson während und nach der Ausbildung zu unter-
stützen, bleibt auch überkantonal ein forderndes Thema.

Zukunft und Herausforderung. Bin ich in der kirchlichen Mediothek, dann wird mir bei der Fülle der Unterrichtsmaterialien der Anspruch an die Medienkompetenz bewusst. So braucht es in der kirchlichen Bildungsarbeit in Schule und Kirchgemeinde qualifizierte und motivierte Fachpersonen, die sich nicht nur mit der eigenen Medienkompetenz auseinandersetzen, sondern auch ein positives und kompetentes Bild von kirchlicher Bildung vermitteln. Die Ausbildung nach dem neuen Konzept OKTAV, welche die Positionierung im Beruf als Religionslehrperson und in der Reformierten Kirche mit fachlicher Kompetenz und Persönlichkeitsentwicklung unterstützt, möchte dieses positive und kompetente Bild von kirchlicher Bildung fördern. Gibt es also noch einen Grund, sich nicht anzumelden?

Dr. Maria Thöni
Fachstelle Religionspädagogik in der Schule
Der Beitrag erschien erstmals im Mitarbeitermagazin dialgintern 2019-06

Bild: Ansprechender Religionsunterricht braucht mehr als Motivation für ein Thema und Freude an der Begegnung mit Kindern.
(Foto: istock)