19.5.2018

Zukunft dank Integration

Wenn Kriszta Naszadi von der „Integration der jungen Roma-Generation“ in Ungarn spricht, dann bekommt dieses so ungelenkige Wort ein Gesicht. Es werden Schicksale sichtbar, Menschen, die weit unter der Armutsgrenze leben – ohne Hoffnung auf Besserung. Viele Romas leben im Nordosten Ungarns an Orten, wo sonst kaum jemand leben will. Naszadi zeigt ein Bild eines Hauses, das aus nur einem Raum besteht. Es sei das Haus einer Familie mit sieben Kindern, Toiletten gebe es keine, fliessendes Wasser auch nicht. Mit dem Projekt „Integration der jungen Romageneration“, das auch von der Bündner Kirche unterstützt wird, will Naszadi zumindest Kindern und Jugendlichen den Glauben an eine Zukunft wiedergeben.

Riss in der Gesellschaft. Naszadi arbeitet für die Reformierte Kirche in Ungarn und als Koordinatorin für das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen der Schweiz (HEKS). Sie hat Dörfer kennengelernt, da niemand eine Arbeit hat, ausser jenen Personen, die als Strassenkehrer für die Gemeinde oder als Lehrperson für die Schule arbeiteten. Wer kann, zieht weg und Familien, die das nötige Geld hätten, würden ihre Kinder in die Schule der Stadt fahren, wo sie bessere Bedingungen vorfinden. Das führt mittelfristig zur Separation und das Verhältnis zwischen Mehrheitsbevölkerung und Romas wird weiter belastet.

Die Ressentiments gegen die Romas sind in der ungarischen Bevölkerung heute schon gross. Selbst in den Kirchgemeinden sei es nicht einfach, Leute für Romaprojekte zu motivieren, sagt Naszadi. Sie zeigt eine Karte, auf der 14 Orte markiert sind. Hier gebe es Förderklassen, Eltern-Kind-Gruppen oder Kinderfreizeiten für Romas. Die Kinder und Jugendlichen werden dabei gezielt gefördert, sie lernen Berufe kennen und bekommen schulische und soziale Unterstützung. Über 500 Kinder hätten bereits davon profitiert.

Erfolg durch Wertschätzung. Respekt ist keine Selbstverständlichkeit, das realisiert, wer Naszadi mit grossem Engagement von ihrer Arbeit erzählen hört. Wo gegenseitige Wertschätzung und Achtung die Grundlage für das Zusammenleben sind, könne sich vieles entwickeln, ist Naszadi überzeugt. Ein Kind beispielsweise, das sich aufgehoben fühle, lerne besser – und es lerne selbst Mathematik. Wo Freundschaften zwischen Romas und Ungaren entstehen,  habe das langfristig auch gesellschaftliche Auswirkungen. Die grösste Veränderung könnte nach Meinung Naszadis erreicht werden, wenn der Staat ins Schulsystem eingreifen und die freie Schulwahl aufheben würde. Politisch ist das aber im Ungarn von Victor Orban kein Thema.

Beziehungsarbeit. Und so hält sich Naszadi an das zurzeit Mögliche. Was ihr an dem Integrationsprojekt zugunsten junger Romas am besten gefalle, wollte ich von ihr wissen. Naszadi erzählt von der Dankbarkeit der Kinder, von den Volksliedern der Roma mit ihrem Mix aus Traurigkeit und Heiterkeit. Sie berichtet davon, dass es, allen Ressentiments zum Trotz, immer wieder gelinge, Brücken zwischen den Ethnien zu bauen. Häufig würden diese durch junge Leute initiiert. „Es geht eben alles über die Beziehung“, sagt Naszadi. „Nur sie ermöglicht das Verständnis“.

Stefan Hügli

 

Die Kollekte der Pfingstgottesdienste kommt vollumfänglich der Integration junger Romas zugute.

Bild: Mit Charme und Engagement: Chriszta Naszadi in der Steinkirche in Cazis.