11.7.2018

Mit Fahrrad und Gesang

Die E-Bikes surren, die Sonne brennt, der Beverin thront majestätisch über den endlosen Wiesenhängen des Schamserbergs. Zehn Personen haben sich an diesem Sonntag vorgenommen, das Zusammenspiel von Bewegung, Landschaft, Raum und Musik zu erproben. „Kirchenklingen – Kirchensingen“ heisst die Aktion – eine Zusammenarbeit der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Zillis/Schamserberg, dem Naturpark Beverin und von Viamala Tourismus. Pfarrerin Suzanna Hulstkamp und die Sängerin Maria Walpen empfangen die Gruppe auf dem Kirchhügel von Casti im wohltuenden Schatten der Bäume. Der Talboden ist hier schon in die Ferne gerückt. Grillen zirpen im hohen Gras.

„Es tut den Kirchen gut, besungen zu werden“, sagt Maria Walpen und führt die singenden Radfahrer in den Kirchraum. Hier ist es kühl, nur wenig Licht dringt durch die schmalen Fenster. Maria Walpen beginnt zu singen und fordert die Teilnehmenden auf, es ihr gleichzutun. Aus einem ersten Ton entsteht so allmählich ein ganzes Klanggeflecht und die erfahrene Kursleiterin formt daraus, mit erstaunlicher Leichtigkeit, eine Melodie, die den ganzen Raum erfüllt. „Nie laut, nie mit Kraft“, sagt sie. Wer singe, dürfe sein Tun nicht zu ernst nehmen und vor allem keine Angst davor haben, Fehler zu machen. Fliessenlassen sei wichtig und selbst in Fluss zu kommen.

Nach dem Fliessenlassen die Höhenmeter. Bald schon ist Mittag, die Route führt die steile Strasse hinauf. Weit oben steht die Kirche von Wergenstein, strahlend weiss inmitten eines Überflusses von Grün und Blau. Ich hänge den Gedanken nach und gebe mir Mühe, rund und gleichmässig in die Pedalen zu treten. Ich beobachte, wie nach und nach neue Bergspitzen hinter dem Horizont erscheinen. Endlich führt die Strasse in zwei grosszügigen, doch nicht minder steilen Bögen direkt auf den Dorfplatz von Wergenstein. Ich stelle mein Rad neben den gusseisernen Steinbock, fülle die Flasche erneut mit Wasser und bin stolz auf die hinter mir liegende Steigung. Anderen geht es ebenso: „Schau, eben noch waren wir dort unten“.

Aus der nahe gelegenen Kirche ertönt eine Stimme. Es ist Maria Walpen, die einlädt, einen weiteren Raum singenderweise zu erkunden. Diesmal mit einem Alpsegen aus dem Alpstein. „Ave Maria“, singt sie, „es bhüet üs Gott und Maria“. Sie steht mit beiden Füssen fest auf dem Boden, ihr ganzer Körper ist Gesang und mit den Händen tut sie, als ob sie in einem grossen Kessel rührte. Typisch für diesen Alpsegen seien die Naturtöne und das stetige Zurückgehen zum Grundton. Später wird sie zwischen die Grabsteine mit den Namen Clopath, Cantieni, Dolf und Michael treten. Sie wird den Alpsegen ins Tal hinausschicken und dazu die Hände erheben. „Musik kommt aus der Stille und führt dorthin zurück“, ist Walpen überzeugt, Singen könne Stille hörbar machen.

Die Panoramafahrt von Wergenstein nach Mathon ist Genuss pur. Nach dem Mittagessen erwartet die singenden Radfahrer eine Schussfahrt in grandioser Umgebung. Der Fahrtwind bläst ins Gesicht, Konzentration ist gefragt, die Landschaft zieht mühelos vorbei. Nächster Halt ist bei der Kirche Fardün, einer ebenso schmucken wie kleinen Kirche mit bester Aussicht auf das Schoms. Wer den Kirchenraum mit den verblichenen Fresken betritt, lässt sie erst einmal auf sich wirken. „Ausatmen bitte“, sagt Maria Walpen, „und dann den Atem wieder kommen lassen“. Diesmal wird ein Kyrie gesungen. Walpen gibt mit einer Handbewegung den Einsatz, schreitet auf den improvisierten Chor zu um gleich danach wieder Abstand zu gewinnen und sich im Raum zu drehen. Das Kyrie sei Schwung und Ruhe zugleich, sei Beruhigung, tue gut.

Auf dem Weg hinunter nach Zillis merke ich, wie die gehörten Melodien sich einnisten und der Mix von Bewegung, Landschaft, Raum und Musik zu wirken beginnt. „Kirchen sind Orte, da man sich öffnen kann“, wird Walpen beim Abschluss unter der weltberühmten Zilliser Kirchendecke sagen. Sie wird dabei noch einmal das „Alleluja“ anstimmen, die Bedeutung der Vokale a, e, u und i erläutern, auch dass bei Gesängen der gregorianischen Tradition sich der letzte Ton gleichsam aus dem vorletzten herausschälen müsse. Die Kunst bestehe darin, das alles angemessen klingen und verklingen zu lassen: freundlich, zärtlich und kraftvoll zugleich.

Doch schon wenn Maria Walpen ihre Hand zum Ausklingenlassen erheben wird, weiss sie, dass das nicht das Ende ist. Der „Kirchenklingen – Kirchensingen“-Tag wird nachklingen, selbst dann noch, wenn nichts mehr zu hören sein wird, wenn der zuletzt besuchte Kirchenraum wieder sich selbst überlassen und das E-Bike zurückgegeben ist. „Magic“, höre ich jemanden sagen und jemand anderen: „Wann findet das nächste Kirchenklingen statt?“

Stefan Hügli