10.6.2018

Zwei Beispiele, zwei Einblicke

Beispiel 1: Theater von und mit jungen Menschen. «Anfangs war ich skeptisch», sagt Cosma, eine der jungen Darstellerinnen. Zu fremd schien ihr die Zeit, zu religiös die Sprache. Doch der Eindruck hat sich durch die Proben verändert. «Wir bringen etwas Komödiantisches in den Text, er beginnt zu leben», beobachtet sie. Cosma ist eine der zehn Darstellerinnen im Theaterstück «Die Nonne tanzt», welches im September 2017 in der ChurerPostremise aufgeführt wurde.
Der Roman der Jungautorin Lea Gafner brachte den jungen Schauspielerinnen und Schauspielern die Kirche und ihre Geschichte näher, die alten Texte begegnen dem heutigen Leben. Kirchengeschichte wird für Jugendliche zugänglich, auch im Publikum: Konfirmandengruppen und Schulklassen sitzen in den Reihen. Einige sprechen beim Gehen überraschend einen Dank, ein Kompliment aus, andere harren die Stunde aus und erkennen das Erlebte vielleicht erst Jahre später? Die Menschen damals waren gar nicht anders als wir heute», ergänzt Charlotte, eine weitere Darstellerin, «die gleichen
Gefühle und Launen. Sie hatten viele Regeln und wünschten sich Freiheit.»
Ein Theater als Projekt der Fachstelle Kirche im Tourismus? Nicht unmittelbar ersichtlich ist der Bezug zum Tourismus, doch die Erkenntnis ist: Gast sind wir, auch wir Bündner.

Beispiel 2: Fünftägige Reise durchs Bergell. Die Reise «Auf den Spuren der Reformation durchs Bergell» wurde drei Mal durchgeführt und hat dabei im Bergell 260 Logiernächte generiert. Diese Zahl bringt die Verbindung zum Tourismus zum Ausdruck. Was den Teilnehmenden bleibt, ist mehr: Geschichten, Gastfreundschaft, ein gemeinsamer Gottesdienst, Begegnungen, Klänge, Gerüche und Geschmäcker, Licht und Farbe. «Licht und Farbe, Farbe und Licht.» Die Stimme von Pfarrer und Wanderleiter Fadri Ratti hallt im Gewölbe der Kirche San Pietro in Coltura. Die Teilnehmenden betrachten das Wandbild auf der Ostseite des Kirchenschiffs – ein Spiel aus Farbe und Licht. Der Einheimische Augusto Giacometti hat als sein erstes sakrales Werk dieses Wandbild geschaffen. Vorbei an soeben gemähten Wiesen und frischem Heu führt Fadri Ratti die Gruppe weiter in das nahe gelegene Dorf. Dort wartet ein zweites Gebäude darauf, besucht zu werden. Wie ein grosses Schloss mutet der Palazzo Castelmur an, wenn man ihn von der Brücke über die Maira aus betrachtet. Auf der anderen Seite sieht er hingegen wie ein beschauliches Haus aus. «Das ist eigentlich kein Schloss, es ist ein Scheinschloss», erklärt Lokalhistoriker Gian Andrea Walther, als er die Gruppe empfängt.

Nahe bei den Menschen. Kirche, Kultur, Tourismus – es sind die sich daraus ergebenden Schnittstellen, die Begegnungen, die bereichernd sind. Die Fachstelle Kirche im Tourismus verbindet Kirche mit Tourismus, ergänzt mit weiteren Themen wie beispielsweise Kunst oder Kultur. Es entsteht so die Möglichkeit, Kirche neu zu erleben, für manche überhaupt zugänglich zu machen. Vernetzungsarbeit ermöglicht es Kirchgemeinden, als Gastgeber Gäste einzubinden, Pfarrpersonen auch in der Rolle eines Wanderleiters zu erleben: Sie zeigt touristischen Institutionen auf, dass dass Kirche da ist, wo die Menschen sind, dass Kirche im Kirchenraum und auch ausserhalb erlebbar ist und Themen hat, die eine breite Öffentlichkeit ansprechen sowie attraktive Angebote ermöglichen.

Cornelia Mainetti