Bibla sursilvana

In einem Werkstattgespräch gab Pfr. Dr. h.c. Martin Fontana Einblick in die Übersetzungstätigkeit.

Seit mehr als fünfzig Jahren arbeitet Martin Fontana an der „Bibla sursilvana“. Mit Leidenschaft und Ausdauer übersetzt der in Flims wohnhafte und kürzlich von der Universität zum Ehrendoktor ernannte Pfarrer Texte aus dem Hebräischen und Griechischen ins surselvische Rätoromanisch. Besonders an der „Bibla sursilvana“ ist, dass sie nicht eine Übertragung aus dem Deutschen ist, sondern direkt auf die ältesten verfügbaren Texte zurückgreift. „So genau wie möglich, so verständlich wie nötig“, will Fontana übersetzen, wobei ihm, als Sohn eines rätoromanischen Lehrers und Schriftstellers, der sorgfältige Umgang mit der Sprache, ihrer Melodie und Farbe ein besonderes Anliegen ist. Fontana arbeitet im Team, denn die „Bibla sursilvana“ ist seit Beginn ein Gemeinschaftswerk evangelischer und katholischer Geistlicher, bleibend verbunden mit Namen wie Gion Martin Pelican, Vincens Bertogg, Martin Bearth und in jüngerer Zeit auch mit Giusep Venzin, Anja Felix-Candrian und Andri Casanova.

Das Werkstattgespräch machte deutlich, wieviel Herzblut in diesem ehrgeizigen Generationenprojekt steckt. Fontana gab Einblick in einige besondere Herausforderungen, die es zu bewältigen galt. „Sprache verändert sich“, sagt Fontana, zentrale Glaubensbegriffe wie das Wort „selig“, aber auch „Gnade“, „Rechtfertigung“ oder „Erlösung“ würden heute kaum noch verstanden. Auch bildhafte Wendungen und Sprichworte, von denen es in der Bibel viele gibt, gaben im Übersetzerteam viel zu reden. „Sollen sie wörtlich übersetzt oder sinngemäss übertragen werden?“, fragt Fontana. Solche und ähnlich Fragen diskutiert er wöchentlich mit drei Kollegen. Sie recherchieren in Wörterbüchern, vergleichen unterschiedliche Textvarianten, prüfen, wie andere Übersetzer die Sache gelöst haben. Klar ist für Fontana, dass Übersetzung immer auch Interpretation ist. „Das biblische Wort wird immer in eine bestimmte Zeit hinein gesprochen.“

Grosse Anerkennung. Von einer „Herkulesaufgabe“ sprach anerkennend auch Professor Thomas Krüger von der Universität Zürich. Je älter der Text, desto schwieriger sei es, dem ursprünglichen Text gerecht zur werden, sagte der Alttestamentler und würdigte die sprachlich aktuelle und bibelwissenschaftlich zuverlässige Übersetzung. Er gab zu bedenken, dass die biblischen Texte nicht von einem einzigen Autor geschrieben wurden, sondern von vielen und dass darum die unterschiedlichsten Weltsichten darin zu finden und zu verstehen sind. „Da passt nicht alles zusammen“, sagte Krüger, es obliege den Übersetzern, zu entscheiden. Und schliesslich handle es sich um kunstvolle literarische Texte. Solche in eine andere Sprache zu übertragen erfordere besonderes Geschick.

Die Bedeutung der „Bibla sursilvana“ unterstrich schliesslich auch Jan-Andrea Bernhard, Pfarrer in Waltensburg/Schnaus und Lehrbeauftragter der Universität Zürich. Die letzte Übersetzung der Bibel aus dem Urtext ins Surselvische stamme aus dem Jahre 1718. Von der „Bibla sursilvana“ sind nach dem Neuen Testament (1988) die prophetischen Bücher (2004), die Psalmen (2010) und die poetischen Bücher (2014) erschienen.

Stefan Hügli

Bild: „Der Leser muss bereit sein, Gedankenarbeit auf sich zu nehmen“. Pfarrer Dr. h.c Martin Fontana. Im Hintergrund Prof. Thomas Krüger von der Universität Zürich.