6. April 2020

Coronakrise: Interview mit Kirchenratspräsident Andreas Thöny

Von einem Tag auf den anderen hat das Coronavirus hat unser aller Leben auf den Kopf gestellt. Andreas Thöny, wie gehen Sie persönlich mit dieser Veränderung um?

Andreas Thöny: Ich versuche, nicht in Hyperaktivität zu verfallen, sondern genau zu beobachten, einzuordnen und zu reflektieren – und dabei auch einmal besonnen abzuwarten.

Sie sind Kirchenratspräsident der Bündner Kirche – einer Organisation mit 65‘000 Mitgliedern in über 79 Gemeinden. Die Krise hat viele verunsichert. Hat der Kirchenrat genug getan oder hätte er mehr tun müssen?

In einer Krisensituation besteht zu Recht eine erhöhte Erwartung an die Führung. Zum einen gilt es, die Führung noch deutlicher zu übernehmen als sonst und entsprechend zu informieren. Doch zum anderen wird in Graubünden die Gemeindehoheit gross geschrieben. Vieles muss vor Ort entschieden werden. Hier besteht ein Spannungsfeld.

Die Kantonalkirche hat eine Auskunftsstelle für Gemeinden bezeichnet. Gemeinden fragen beispielsweise, wie sie es mit Abdankungen halten sollen, wie mit dem Glockenläuten wenn kein Gottesdienst stattfindet.

Auch die Auskunftsstelle wird den Gemeinden die Unsicherheit nicht abnehmen können. Doch sie kann hinweisen auf geltende Regelungen und auf Erfahrungen in anderen Gemeinden. Als Kirche wollen wir sowohl in der Mitte wie auch am Rande des Lebens präsent sein. Die Herausforderung besteht darin, sich dabei innerhalb der gesetzten Grenzen zu bewegen. Wir erleben bei den Kirchgemeinden viel Bereitschaft und grosse Motivation in der jetzigen Ausnahmesituation kreativ zu sein. Sie möchten kirchliches Leben ermöglichen in einer einfacheren und rudimentäreren Form – einfach so, wie es die Verhältnisse vor Ort zulassen.

Der Kirchenrat hat eine Task-Force ins Leben gerufen. Was ist deren Aufgabe?

Die Task-Force hat die Aufgabe, genau zu beobachten, was Bund und Kanton entscheiden und anordnen. Immer dann, wenn neue Bestimmungen erlassen werden, überprüft sie deren Bedeutung für die kirchliche Arbeit und informiert die Gemeinden bei Bedarf entsprechend. Die Task-Force erarbeitet keine Lösungen. Dies geschieht innerhalb der Pfarrerschaft, des Dekanats oder der Verwaltung in Zusammenarbeit mit den Kirchgemeinden.

Genügt das oder braucht es mehr?

Die Task-Force hat sich zum Ziel gesetzt, sich mit Empfehlungen zurückzuhalten und möglichst transparent auf die Bestimmungen des Kantons und des Bunds zu verweisen. Sie möchte vermeiden, mit eigenen Interpretationen eine Parallelstruktur aufzubauen. Weniger zurückhaltend mit Empfehlungen war die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz EKS. Sie hat für Landeskirchen und Kirchgemeinden einen umfangreichen Leitfaden abgegeben, der aufgrund der raschen Entwicklung auch schon bald angepasst werden musste. Unser Ziel ist es, klar zu kommunizieren, immer aber auf die schon geleistete Denkarbeit zu verweisen. Wir meinen, dass das den Gemeinden am meisten dient.

Kirche ist für Menschen da. Doch der Zugang zu Sterbenden, Kranken und Betagten ist seit Corona stark eingeschränkt oder überhaupt nicht möglich. Was bedeutet das für die kirchliche Arbeit, beispielsweise die Seelsorge?

Die Seelsorge in den Institutionen ist davon nicht betroffen, denn Seelsorgende beispielsweise im Kantonsspital gelten als Mitarbeitende und haben Zugang zu Patientinnen und Patienten. Doch die Seelsorgenden in den Gemeinden müssen aufgrund der Einschränkungen vermehrt auf telefonische Kontakte ausweichen – anstelle von Hausbesuchen. Oder sie sind im Dorf mit offenen Augen unterwegs. Ermutigend finde ich, dass auch die Frauenvereine in der Unterstützung von hilfsbedürftigen Menschen ein neues Betätigungsfeld gefunden haben.

Was ist jetzt wichtig für die Bündner Kirche? Was für die Bündner Gesellschaft?

Für die Bündner Gesellschaft ist wichtig, sich an die Bestimmungen zu halten, um möglichst zügig aus der aktuell schwierigen Situation herauszukommen und zum normalen Leben übergehen zu können. Für die Kirche scheint mir wichtig, dass sie gerade für die bevorstehende Osterzeit einen Weg findet, Rituelles zu leben – sei es über Gottesdienste, die online übertragen werden, oder über Aktionen wie die Aktion „Lichtblick Ostern“. Kirche braucht Rituale auch in schwieriger Zeit.

Die Kantonalkirche steht mit dem Kirchenparlament auch für übergemeindliche demokratische Prozesse. Was bedeutet der Stillstand des öffentlichen Lebens in dieser Hinsicht?

Es bedeutet das Gleiche wie für die Gemeinden und den Kanton. Die Versammlungsmöglichkeit ist eingeschränkt mit allen Folgen, die sich daraus ergeben. Kirchgemeindeversammlungen sind zurzeit nicht möglich. Ob der Evangelische Grosse Rat im Juni tagen kann, hängt vom weiteren Verlauf der Krise ab. Zum Glück können sich Kirchgemeindevorstände weiterhin treffen – ob in einer Videokonferenz oder physisch in einem Sitzungszimmer, ist ihnen überlassen. So ist zumindest die Handlungsfähigkeit der Kirchgemeinden gewährleistet. Dass es insgesamt zu gewissen Ausfällen kommt, ist nicht zu vermeiden. Doch das ist verkraftbar, die demokratischen Prozesse sind nicht grundsätzlich in Frage gestellt.

Sehen Sie in der Krise auch eine Chance?

Ich meine zu beobachten, dass sich die Wertungen eines lebenswerten oder erfüllten Lebens verändern: weg vom Materiellen hin zum Persönlichen und Sozialen. Es ist wieder wichtig, den älteren Leuten Unterstützung zu bieten. Man interessiert sich für die Nachbarn, ruft Freunde an, tritt mit Alleinstehenden in Kontakt. Ob die Werteskala dadurch nachhaltig verändert ist, wird sich zeigen. Ich hoffe, dass etwas davon zurückbleibt, wenn wir uns wieder frei bewegen werden.

Und wie geht es weiter?

Im Moment weiss das niemand. Am 19. April wird der Bundesrat die Lage neu beurteilen. Ich persönlich glaube, dass es noch längere Zeit gehen wird, bis wir zur Normalität zurückkehren können. Schön wäre es, wenn es schon im Juni so weit wäre; doch das ist ein Wunsch.

Andreas Thöny, besten Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Stefan Hügli
Kommunikation

Bild: „Ich hoffe, dass wir bald zur Normalität zurückkehren können“ – Kirchenratspräsident Andreas Thöny in Chur.
Foto: Stefan Hügli