10.6.2018

Auf Interviewtour mit der Chefredaktorin

«Ich bin Constanze Broelemann aus Chur», sagt die Pfarrerin und Journalistin und rückt den Stuhl näher an den Tisch. Sie wolle mehr erfahren über die «Letzte-Hilfe-Kurse», wie sie die Zürcher Kirche anbiete, es solle ein Beitrag für die Kirchenzeitung «reformiert.» werden. Broelemann ist ganz in schwarz gekleidet, nur das Armband mit den drei Sternen ist blau. Ihr gegenüber sitzen zwei Fachpersonen aus der Zürcher Kirche: Pfarrer Matthias Fischer und Pflegefachfrau Eva Niedermann. Beide sind Spezialisten für Palliative- und Spiritual Care, waren federführend bei der Einführung der «Letzte-Hilfe-Kurse» in der Zürcher Kirche. Der Tisch zwischen den Dreien ist gross, ebenso grosszügig und hell sind auch die Räumlichkeiten an der Blaufahnenstrasse, in denen das Gespräch stattfindet.

Die Interviewpartner haben je ein Mäppchen mit Unterlagen mitgebracht. Broelemann öffnet ein Notizbuch, legt die Armbanduhr und einen Kugelschreiber darauf, startet die Smartphone-App für die Tonaufnahme und platziert das Gerät in der Mitte des Tisches. «Ich habe auf der Zugfahrt recherchiert», sagt sie und neigt sich leicht nach vorn, als ob es diese Vorlage bräuchte, um das Gespräch in Schwung zu bringen. In ihrem Notizbuch hat sie gesammelt, was ihr als Leitlinie dienen soll. Einzelne Wörter sind unterstrichen, andere mit einem Kreis versehen oder mit grünem oder rotem Leuchtstift markiert. Der «Letzte-Hilfe-Kurs» wolle das kleine Einmaleins der Sterbehilfe vermitteln, zitiert Broelemann aus einem Flyer. Er zeige Interessierten, was sie beispielsweise für ihre Angehörigen am Ende des Lebens tun können. Es sei ein Kurs für alle. Broelemann hält einen Moment inne und fragt: «Wirklich für alle?»

Als Journalistin versteht sich Constanze Broelemann als «Fährtenschnüfflerin» und «Vorkosterin», wie sie mir später bei einem Kaffee erzählen wird. Sie hat viel Erfahrung darin, komplexe Sachverhalte und Zusammenhänge wahrzunehmen und verständlich zu machen. Dieses Handwerk hat sie im Nachrichtenjournalismus beim Westfalenblatt gelernt und später beim Pressedienst der Evangelischen Kirche Deutschlands erweitert. Schon als Kind sei sie zwar die Ruhigste gewesen in der Familie, doch sie habe das Talent gehabt, Dinge auf den Punkt zu bringen. Journalismus braucht, laut Broelemann ein gutes Bewusstsein für Menschen, für Situationen und ein Gespür für die Gesellschaft. Und dann gehe es darum, mit der richtigen Einstellung an die Arbeit zu gehen: sich auf ein Thema einzulassen und doch kritisch Distanz zu halten. Nur das biete Gewähr für bestmögliche Information.

Kritisch nachgefragt. Ja, es sei ein Kurs für alle, sagt Niedermann, die Pflegefachfrau. Abschiednehmen und Sterben sei ein Thema, das alle angehe. Der Kurs biete Basiswissen, Orientierungen und einfache Handgriffe. Er wolle zeigen, wie wichtig Zuneigung sei, er wolle auch für die spirituellen Aspekte bei der Begleitung Sterbender sensibilisieren. «Was ist das spezifisch Christliche daran?», will Broelemann wissen, immerhin würden die Kurse von den Kirchen finanziert. Sie fragt und schaut den Interviewpartnern direkt in die Augen. Niedermann und Fischer blicken einander an, als wollten sie den zugespielten Ball am liebsten dem, bzw. der anderen überlassen. Es sei wichtig, dass sich die Kirche in Sachen Palliative Care fit mache, sagt Niedermann – mit Freiwilligen und Profis. Broelemann nickt zurückhaltend. Die Kirche sei in Spitälern, Pflegestationen und Seelsorge präsent. Nur folgerichtig sei es, dass sie sich auch in der Palliative Care engagiere, fügt Fischer hinzu. «Caring Community» heisse die Herausforderung für die Zukunft.

Aufgewachsen ist Constanze Broelemann in Bielefeld. «Eine Stadt wie
St. Gallen, gutbürgerlich und bodenständig zugleich». Nein, obwohl sie Pfarrerin sei, sei sie keine Kirchenmaus. Es sei ihr wichtig, in verschiedenen Kontexten unterwegs zu sein, auch in ihrem Freundeskreis. Vor dem Hintergrund eines konservativen, grossbürgerlichen El-
ternhauses empfand sie das christliche Evangelium als «das Freiheitlichste, das ihr je begegnet» sei. Dies deshalb, weil es nicht davon ausgeht, dass der Mensch immerzu im System funktionieren müsse, Im Gegenteil, es ermögliche Neubeginn und Aufbruch. Sie sei ein sehr kritischer Mensch, sagt Broelemann. Das kommt ihr nun auch für die Arbeit bei «reformiert.» zugute. Sie will kritisch berichten, ohne aber Hofberichterstattung zu betreiben. «Nicht alles, was glänzt, ist Gold, und nicht alles, was toll klingt, ist Wahrheit».

Jenseits der Wohlfühlzone. «Ist der ‹Letzte-Hilfe-Kurs› eine Gegenbewegung zu Exit?» fragt Broelemann weiter und lockt ihre Interviewpartner aus der Wohlfühlzone heraus. Sie stützt sich dabei mit beiden Ellbogen auf den Tisch. Der assistierte Suizid werde im Kurs nicht thematisiert, gibt Niedermann zu. Doch sei es in der Schweiz anders als in Deutschland, wo der Begriff «Letzte Hilfe» tatsächlich als ein Synonym zu Exit verstanden werde. «Seid ihr Pioniere?», fragt Broelemann und sorgt damit wieder für Fahrt. Ja, das sei so, Sterben brauche nicht nur Medizin, es brauche auch Zuwendung, Menschen, die da sind, umsorgen und begleiten. «Ist vielleicht das das spezifisch Christliche an diesem Kurs?», fragt Broelemann und erinnert an die bereits gestellte Frage. In einer «Caring Community» gehe es auch darum, von Sterbenden zu lernen – und von Menschen, die Erfahrung mit Sterbenden haben, erklärt Fischer. Er sei stolz auf die Kirche, dass sie einen solchen Kurs anbiete. Erst jetzt schaut er auf die Mappe, die vor ihm auf dem Tisch liegt. Zu gut ist das Gespräch gelaufen, als dass er auf Papier hätte zurückgreifen müssen.

Das Wichtigste zuerst. Nach dem Interview wird Broelemann die Tonaufnahme auf ihrem Smartphone anhören und sich dabei Stichworte aufschreiben, einen möglichen Spannungsbogen mit Einstieg, Höhepunkt und Ausklang auf einem Blatt Papier skizzieren. Der Aufhänger zum Einstig muss sitzen, das weiss sie nur zu gut, sonst wird der Beitrag nicht beachtet. Die Zuspitzung im Höhepunkt sorgt für den nötigen Pfeffer und im Ausklang kann geschrieben werden, was zwar auch informativ ist, aber vorher keinen Platz gefunden hat. Möglicherweise wird sie dort schreiben, dass die «Letzte-Hilfe-Kurse» auf zwei Jahre hin ausgebucht sind, dass sich bis jetzt 320 Interessierte im Alter von 30 bis 85 Jahren angemeldet haben, und natürlich wird sie auch sagen, dass der Kirchenrat den Kurs auch im Kanton Graubünden durchführen will. Der Beitrag muss für die Leserinnen und Leser einen Mehrwert haben, das ist Broelemann wichtig. So könnte sie den Kurs als Beispiel dafür beschreiben, wie Kirche am Puls der Zeit agiert, selbstbewusst mitten in der Gesellschaft, als Vorwärtsstrategie, der zu Recht Erfolg beschieden ist.

Broelemann klappt das Notizbuch zu. «Es war sehr inspirierend für mich», sagt sie, «und es freut mich, dass das so gut läuft». Als nächstes steht in ihrer Agenda ein Termin beim Layout von «reformiert.» Doch vorher gibt’s noch eine kurze Mittagspause mit Nudeln beim Chinesen.

Stefan Hügli