Kirche und Tourismus könnten sich gegenseitig inspirieren, sagt Thomas Rossmerkel in Chur. Zum Vorteil aller.

Thomas Rossmerkel warb in seinem Referat vor dem Evangelischen Grossen Rat für mehr Zusammenarbeit zwischen Kirchenleuten und Touristikern. Viele Menschen seien offen für Fragen nach Sinn, sobald sie aus der Tretmühle des Alltags herausgetreten sind. Der Referent für Kirche und Tourismus von der Evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern sorgte für verdutzte Gesichter: Jeder zweite Deutsche gehe am Urlaubsort in einen Gottesdienst und jeder Fünfte suche im Urlaub neue spirituelle Erfahrungen. Insbesondere bei Angeboten der Stille ortet Rossmerkel Potential. Je ausgeprägter die digitale Erreichbarkeit im Alltag, desto mehr suchten Menschen im Urlaub nach Entschleunigung und Sinn. „Die Sehnsucht nach dem Pausenknopf ist gross“, ist Rossmerkel überzeugt, „der Wunsch nach Stille wird mittelfristig den Wunsch nach Sonne ablösen“.

Aufgrund seiner Erfahrung in Bayern sieht Rossmerkel in der Zusammenarbeit von Kirche und Tourismus eine Win-Win-Situation. Die Touristiker hätten das Marketingwissen, die Kirchenleute Inhalte. Ebenso wie die Touristiker den Bergführer bräuchten, um eine „gscheite“ Wanderung anzubieten, so bräuchten sie die Kirchen für Angebote der Stille und Sinnfindung. Als mögliche Angebote nennt er spirituelle Wanderungen, Gottesdienste im Grünen, offene Kirchen, Räume der Stille am Radweg oder an der Autobahn, Begleitung für Geist und Seele. In Gegenden, wo Menschen vom Tourismus lebten, hätten die Kirchen geradezu die Pflicht, sich mit ihrem Know-How an der Entwicklung und der Durchführung solcher Angebote zu beteiligen. Schliesslich hätten die Kirchen Stille und Ruhe seit Jahrhunderten im Angebot, das sei ihr eigentliches Kerngeschäft. „Der Markt dafür ist vorhanden, mehr denn je“, sagte Rossmerkel und mahnt die zugelich: „Wenn die Kirchen die Chance nicht nutzen, werden es andere machen“.

Rossmerkel hat die Erfahrung gemacht, dass Gemeindearbeit und Gästearbeit sich gut ergänzen. In Deutschland würden heute schon mehr Menschen unter der Woche in eine Kirche gehen als am Sonntag. Am Beispiel von „Stade Zeiten“ zeigte er auf, wie Kirchen ihre Angebote der Stille in Zusammenarbeit mit Touristischen Partnern vermarkten können. Mit „Stade Zeiten“ sei es gelungen, ein völlig neues Kundensegement zu erreichen. Voraussetzung für solche Kooperation ist, dass die Berührungsängste zwischen Kirche und Tourismus überwunden werden. Wo das gelingt, sei die Zusammenarbeit von Kirche und Tourismus für alle ein Gewinn.

Stefan Hügli