29. April 2019

Im Wissenschaftscafé

Zehn Jahre ist es her, seit die Jungsozialisten mit einer Initiative das Ende des Religionsunterrichts an der öffentlichen Schule forderten. Es sollte damals nicht so weit kommen: Die Idee der Jungpolitiker hatte beim Bündner Stimmvolk keine Chance, insbesondere, weil die Regierung in Zusammenarbeit mit den beiden Landeskirchen mit dem Modell 1+1 einen Gegenvorschlag präsentierte. Dieser sah vor, dass der Religionsunterricht an der öffentlichen Schule von zwei Wochenlektionen auf eine reduziert und durch das Fach «Ethik, Religionen, Gemeinschaft (ERG)» ergänzt wird. Der Religionsunterricht würde durch die Kirchen verantwortet, das Fach ERG durch den Staat, also die Schule. Das Stimmvolk hat am 16. Mai 2009 den Gegenvorschlag angenommen und der Initiative der Jungsozialisten eine Abfuhr erteilt.

Öffentliches Interesse. «Hat sich die Bündner Lösung bewährt?», fragte kürzlich ein Wissenschaftscafé im Saal des B12 an der Brandisstrasse in Chur. «Ethik und Religionen im Stresstest» steht auf der Leinwand. Knapp hundert Personen verfolgten die Diskussion. Pfarrer Reinhard Kramm, an der Pädagogischen Hochschule mit der Aus- und Weiterbildung der Lehrpersonen für das Fach ERG beauftragt, moderierte die Gesprächsrunde. Gemäss geltender Regelung müssten Lehrpersonen in fünf Tagen dazu befähigt werden, das Fach zu unterrichten. «Viel zu wenig», sagt die Islamwissenschaftlerin Rifa’at Lenzin. Das genüge in keiner Weise. Am Beispiel des Islam führt sie aus, dass es nicht nur darum gehe, die wichtigsten Grundlagen von Religionen und Weltanschauungen zu vermitteln. Es gehe auch darum, die Lebenswirklichkeit allfälliger muslimischer Schülerinnen und Schüler zu kennen. «Es überfordert Lehrpersonen, wenn sie Dinge unterrichten sollen, die sie selber nicht verstehen.»

Die Rechenaufgabe 1+1 sei in der Praxis schwieriger als auf dem Papier, räumte auch Professor Christian Cebulj von der Theologischen Hochschule ein. Er unterstrich, dass politisch gesehen das Bündner Modell ein Konsens sei – und darum ein Erfolg. Auch schweiz-, ja sogar europaweit könne sich das Modell sehen lassen. Mit Verweis auf die aktuellen Zahlen der Religionszugehörigkeit mahnte demgegenüber Andreas Kyriacou, Präsident der Freidenker-Vereinigung der Schweiz, zu Realismus. Schon heute gebe es in der Schweiz mehr Konfessionslose als Protestanten. Umso wichtiger sei es, dafür einzustehen, dass auch religionsferne Kinder in ihrem Denken ernst genommen würden. Heute sei das noch zu wenig der Fall. «Es gibt auch einen nichtreligiösen Zugang, sich die Welt zu erschliessen».

Dass ein reflektierter Zugang zu Weltanschauung, Ethik und Religion wichtig ist, darin waren sich die Gesprächsteilnehmenden einig. Sowohl das Fach ERG als auch der von den Kirchen verantwortete Religionsunterricht würden hierzu einen Beitrag leisten. Insofern habe das Modell 1+1 den Stresstest bestanden. Für Diskussionen sorgte dann aber die Tatsache, dass es für das Fach ERG bis heute kein wirklich passendes Lehrmittel gebe. Dies, obwohl das Fach auf der Sekundar- und Realstufe bereits 2012 und auf der Primarstufe 2018 eingeführt worden ist. «Ich vermisse das Feuer», sagte Kramm, es fehle die Lobby für das Fach. Die Initianten hätten sich zurückgezogen, die Kirchen aus verständlichen Gründen auch. «Wer treibt das Fach ERG voran?», fragt Kramm.

Kontrovers diskutiert wurde auch die Frage, ob bereits ein «Stille Nacht» in ERG eine Grenzüberschreitung sei, weil in diesem Fach ja keine religiösen Handlungen vorgenommen werden dürften – im Gegensatz zum Religionsunterricht. Zudem tauchte in der Diskussion die Frage nach dem islamischen Religionsunterricht auf. «Nicht realistisch in den nächsten 30 Jahren», sagte die Islamwissenschaftlerin Rifa’at Lenzin. Ein solcher sei an die öffentlich-rechtliche Anerkennung gebunden, und die sei vorläufig nicht in Sicht. Ein Blick nach Deutschland zeige aber, dass islamische Fakultäten an den Universitäten für die Integration wichtig seien. In Deutschland habe das jetzt schon etwas in Gang gesetzt. Es seien nun Leute unterwegs, mit denen man reden könne, sagte Lenzin. «Koranschule in den Moscheen genüge nicht».

Unbestritten war in der Gesprächsrunde im B12, dass Themen rund um Ethik und Religion auch in Zukunft wichtig sein werden. Die Rückkehr der Religionen sei jetzt schon Realität, und auch Migrantinnen und Migranten brächten ihre Religion selbstverständlich mit in die Schweiz. Es brauche darum vermehrt «Pluralitätskompetenz» und die «Fähigkeit zum Perspektivenwechsel», meinte Christian Cebulj. Und der Freidenker Kyriakou doppelte nach: Werte dienten heute zunehmend als Kampfbegriff und Mittel zur Abgrenzung. Das Fach ERG und auch der Religionsunterricht müssten dem Ziel dienen, andere Weltsichten und Meinungen auszuhalten und gelten zu lassen.

Stefan Hügli
Kommunikation

Bild: Drei Meinungen – ein Podium: Andreas Kyriacou, Prof. Dr. Christian Cebulj und Rifa’at Lenzin. Moderiert wurde das Podium durch Pfr. Reinhard Kramm.