10.6.2018

Der neue Lehrplan Religion

Das Rad muss nicht neu erfunden werden. Soviel war der Arbeitsgruppe klar, als sie sich vor gut einem Jahr daran machte, einen «neuen» ökumenischen Lehrplan für den Religionsunterricht zu verfassen. Was sollen Schülerinnen und Schüler im Fach Religion an Grundwissen über die jüdisch-christliche Religion erfahren?

Grundlage für die Arbeit am Lehrplan 2018 war der ökumenische Lehrplan von 2002. Einige Inhalte vorwiegend aus dem Alten und Neuen Testament hatten sich so gut bewährt, dass sie auch in der jetzt vorliegenden Version Aufnahme gefunden haben. Bisher sah der ökumenische Lehrplan pro Schulstufe insgesamt 15 Themen vor, jetzt sind es noch deren 8. Eine zweite Grundlage stellte der im Zuge des Lehrplans 21 erarbeitete Sankt Galler Lehrplan dar. Dieser übernimmt die Kompetenzen des Fachbereichs Ethik, Religionen, Gemeinschaft des Lehrplans 21 vollumfänglich für den Religionsunterricht. Diese starke Anlehnung an das Schulfach ERG wollten wir für den Religionsunterricht in unserem Kanton nicht. Da sich der katholische Lehrplan für den konfessionellen Religionsunterricht stärker an christlichen und biblischen Inhalten orientiert, übernahmen wir zwei seiner Grundkompetenzen und ergänzten diese noch mit einer auf biblische Inhalte und einer auf religiöse Praxis bezogene Kompetenz.

«Neu» am Lehrplan ist, dass er sich an Kompetenzen orientiert. Kompetenzen versuchen, wichtige Aspekte des Fachs Religion so auszudrücken, dass man eine Antwort auf die Frage erhält, was Religion zur Lebensbewältigung des Menschen beiträgt. Kompetenzen definieren übergeordnete Ziele, die angeben, was Schülerinnen und Schüler zu einem Thema lernen. Kompetenzen formulieren also die Ergebnisse von Lernprozessen und verstehen Lernen als komplexen, ganzheitlichen Prozess.

Lernen fürs Leben. Der ökumenische Lehrplan Religion 2018 orientiert sich an vier Grundkompetenzen:

  • Identität entwickeln. Diese Grundkompetenz verknüpft Grunderfahrungen eines Menschen mit der Vielfallt der Menschheit. Denn wer weiss, wer er ist, tut sich leichter mit dem Anderssein anderer. Wenn jemand seine eigene Ambivalenz kennt, kann er mit menschlicher Vielfalt umgehen. Wer bin ich zwischen all den anderen, die anders sind als ich? Wie versuche ich, meine Mitmenschen zu lieben, und wie leben andere Menschen dieses Gebot? Was schätze ich an meiner Heimat und wie geht es wohl jenen, die fremd sind unter uns? Anhand solcher Inhalte soll im Religionsunterricht Identitätsentwicklung gefördert werden.
  • Religiöse Ausdrucksfähigkeit erwerben. Viele Inhalte des Religionsunterrichts entziehen sich der objektiven Wahrheitsfindung und bedürfen der Erschliessung durch den Einzelnen bzw. die Einzelne. Darum soll mit den Schülerinnen und Schülern das Philosophieren bzw. Theologisieren als Umgang eingeübt und gefördert werden. Biblische Themen wie Schöpfung, Taufe, Abendmahl und Heiliger Geist müssen als Ausdrucksformen christlicher Lebensinterpretation gedeutet werden. Kinder sollen dabei erfahren, dass religiöse Inhalte einer besonderen Ausdrucksweise bedürfen, und Jugendliche sollen so den Umgang mit religiöser Sprache erlernen.
  • Bibelverständnis aufbauen. Diese Grundkompetenz will den Schülerinnen und Schülern einen angemessenen Umgang mit der Bibel ermöglichen. Sie sollen unterscheiden lernen zwischen der Bibel als Buch mit einer entsprechenden Entstehungsgeschichte und der Bibel als Wort Gottes, die von Erfahrungen berichtet, die Menschen mit Gott gemacht
    haben und heute noch machen. Entsprechend gestalten sich die Inhalte zu dieser Kompetenz. Die Geschichten der Erzelternpaare, des Mose und der Könige des Alten Testaments sind aufgeführt wie die Wunder und Gleichnisse aus dem Neuen Testament, die das Handeln und Reden Jesu über das Reich Gottes aus-
    drücken.

  • Christliche Praxis entdecken. Der Religionsunterricht soll den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit eröffnen, gelebten Glauben und kirchliche Praxis zu entdecken. Dies ist ja auch einer der Gründe, weshalb die beiden Landeskirchen dieses Fach an der Schule verantworten und erteilen. Bei dieser Grundkompetenz geht es einerseits darum, die Bedeutung von Weihnachten, Passionszeit, Ostern und Pfingsten im Zyklus des Kirchenjahres zu erschliessen. Andererseits sollen die Jugendlichen mit den jüdisch-christlichen Grundlagen geltender gesellschaftlicher Normen und Werte vertraut gemacht werden. Die Zehn Gebote, der biblische Begriff der Gerechtigkeit, das Doppelgebot der Liebe, der Glaube an die Versöhnung und Friedensvisionen sollen von ihrer religiösen Bedeutung her eingeordnet und in ihrer Auswirkung auf die geltenden Werte und Normen der heutigen Gesellschaft entdeckt werden.

Umfang reduziert. Aus den vier Grundkompetenzen resultieren für jede Schulstufe acht Themen anstelle der bisherigen fünfzehn. Viele Unterrichtende treibt diese Reduktion um. Sie fürchten, nur noch die Hälfte des bisherigen Stoffes vermitteln zu können. Meine Erfahrung in der Ausbildung und Unterrichtsbegleitung ist, dass sich auch bisher nicht mehr als acht Themen pro Schuljahr behandeln liessen. Ich vermute, die Inhalte halbieren sich nicht, sondern reduzieren sich um ein paar wenige Themen. Ein Wermutstropfen bleibt dennoch bestehen: Schüleraktivierende und lernfördernde Methoden sind zeitintensiv und bedürfen grösserer Zeitfenster, als dies mit einer Lektion pro Woche gegeben ist. Die Themen müssen mit dem Modell 1+1 in Zukunft kompakter und effizienter vermittelt werden, was sewohl Lehrpersonen des Fachbereichs 1+1 als auch Schülerinnen und Schüler fordern wird.

Ursula Schubert