29. Juni 2019

«Das Wort ist mein Königreich». Haben Pfarrpersonen heute noch den Mut so einen Satz zu sagen? Das fragte Pfarrerin Simona Rauch die Pfarrerinnen und Pfarrer in ihrem tendenziell sprachwissenschaftlichen Vortrag am dritten Tag der Synode in Poschiavo. Sie ermutigte ihre Kolleginnen und Kollegen ihre Beziehung zum Wort zu reflektieren und in ihren Predigten zu berücksichtigen. «Ihr seid Erben, Ordner und Erfinder von Worten», sagte die italiensichsprachige Pfarrerin. Rauch betonte die Wichtigkeit von Stille, Rhythmus, und Interpunktion – gerade auch in der Predigt. Pfarrpersonen sollten dem Wort wieder seinen Wert zurückgeben, indem sie dem Verborgenen und Unsichtbaren und damit auch der Rede von Gott Platz gäben.

Gerade in der Stille wohne Gott: «Es gebe ein letztes (eschatologisches) Wort, das nur dann zu hören sei, wenn alle anderen schweigen», zitierte Simona Rauch. An der Geschichte vom Turmbau zu Babel erläuterte die Referentin, dass die anschliessende Sprachverwirrung mehr ein Segen, denn ein Fluch ist. Babel stehe für die absolute Abwesenheit von Dialog, jeder ist bloss mit sich selbst beschäftigt, Gott spricht nicht. Die Tendenz zum Totalitarismus und zur Uniformität können Folge sein, wie die Referentin an dem Film «Babel, le récit d`une folie totalitaire» illustrierte. Die vielen Sprachen, die nach dem Turmbau zu Babel nach alttestamentlicher Erzählung entstehen, seien als Segen der Vielfalt zu betrachten. In Zeiten der Globalisierung eine Erkenntnis mit hohem Aktualitätsgehalt, wie Simona Rauch sagte.

Über das Bild, genauer über Zeichnungen, näherte sich Ko-Referent Heiner Schubert, Pfarrer in Montmirail, den Gleichnissen Jesu. Seine Spezialität ist es, biblische Geschichten während des Erzählens mit einer Bildergeschichte zu illustrieren. Inzwischen hat er seine biblischen Comics auch als kurze Filmsequenzen für den Online-Kanal YouTube produziert. Inspiriert zu dieser Arbeit haben ihn die Bildhauer von französischen Kapitälen. Die Steinmetze waren angewiesen mit Reduktion und Symbolik ihre Gottesgeschichten umzusetzen. Ähnlich verfährt Schubert mit seinen Zeichnungen. Sie sind schnell zu entschlüsseln. Die Gleichnisse Jesu erzähle er am liebsten, da sie ihm schon oft in seinem Leben Handlungsalternativen aufgezeigt hätten.

Gletschermühlen bei Cavaglia. Am Nachmittag lud die politische Gemeinde Poschiavo die Synodalen zur Besichtigung der Gletschermühlen in Cavaglia. Über Jahrtausende hinweg haben sich hier zahlreiche Gletschertöpfe in den Stein geschliffen. Derzeit ist das Projekt «Orrido-Schlucht Cavaglia» in Planung. Mit einem Investitionsvolumen von 1 Million Franken, mehrheitlich aus Spenden, soll eine Schluchtbegehung realisiert werden. Besucher können sich dann über Treppen durch die Tiefen der Schlucht bewegen.

Constanze Broelemann